Ich, der Baum

 Als mein Leben begann, war die Zeit eine völlig andere. Es war alles ruhiger, gelassener. Das Leben verlief in berechenbaren Bahnen, die Hektik beherrschte das Leben noch nicht in solch spektakulärer Form, wie es heute der Fall ist. Aber war die Zeit deshalb besser?
Ganz gewiss nicht, auch wenn die Menschen um mich herum immer von der „guten alten Zeit“ reden.

 Mein Leben fing an in einer Zeit, als buntberockte Soldaten durch die Gegend marschierten mit breitrandigen Hüten auf den Köpfen, oftmals mit langen Federbüschen geschmückt. Meilenlange Wagenkolonnen mit unzähligen Männern und Frauen folgten diesen Soldatenhorden. Es war ein recht buntes Volk, das an mir vorbei durch Wald und Feld zog. Nach vielen Tagen kehrte dann wieder die beschauliche Ruhe ein, die ich schon immer liebte. Alles Getier, das vorher eilends in die Wälder geflohen war, kehrte wieder zu mir an den Dorfrand zurück, die Vögel bauten aufs Neue ihre Nester und zogen ihre Jungen auf. Ich hatte wieder Zeit genug, um mich den natürlichen Dingen meines eigenen Lebens hinzugeben.

 Ach so - hab ich mich noch gar nicht vorgestellt? Mein Name ist Buche. Ich lebe hier am Rande des Moores in einem beschaulichen Dorf, das außer einigen Bauernhöfen und einem gewaltigen Dorfteich eigentlich nichts Besonderes aufzuweisen hat.
 An den ostwärtigen Rändern des Ortes beginnt schon das Moor, das im Sommer und Herbst mit herrlichen Gräsern und Kräutern mit den grünen Birken und Weiden das Auge erfreut.
Westlich des Dorfes liegen die weitläufigen Äcker, die von Eichen und Buchenwäldern begrenzt werden. Es ist ein wunderschönes Stückchen Erde, das sich hier von seiner besten Seite zeigt. Selbst im Winter, wenn die Gegend sich im verzauberten Weiß befindet und der Frost ein hartes Regiment führt, ist es bei uns am Rande des Moores schön.
Auch heute noch kommen viele Menschen in dieses wunderbare Stückchen Erde, um die Natur zu bewundern.

Ja, wenn nicht einige dieser Menschen immer wieder mit ihren Werken und Taten alles durcheinanderbrächten. Sie können sich einfach nicht mit dem begnügen, was sie haben. Es muss immer mehr und mehr werden. baum_015Einige meiner Kameraden, die mit mir hier mit mir im Dorf lebten, wurden einfach umgehauen, gefällt, wie sie es nennen. Es brächte viele Taler, hörte ich damals sagen. Da hätte ich mir ausrechnen können, wann ich an der Reihe sein würde.

 Inzwischen aber wurde ich „unter Naturschutz“ gestellt! Ich weiß nun zwar nicht, was das bedeutet, aber da wurde solch ein kleines Messingschild an meinem Stamm angebracht mit meinem Geburtsdatum. Natürlich kann ich nicht lesen, aber ich hörte von Wanderern, dass ich nun schon 450 Jahre alt sein soll!

 Vielleicht habe ich deshalb nun Ruhe vor den Männern, die jedes Jahr mit der Säge durch die Gegend laufen, um “Material zu sichten“, wie sie es nennen. Natürlich werde ich irgendwann auch den Weg alles Lebens gehen. Das ist sicher und gehört auch zum Leben dazu. Jetzt jedoch bin ich noch kerngesund, der Schwarzspecht jedenfalls, der hoch droben in meinem Stamm herumhackt, hat mir noch nicht mitgeteilt, dass er kranke Stellen gefunden hätte. Und Eduard, das fuchsrote Eichhörnchen liebt es auch noch, in meinen Ästen zu turnen. Es ist wunderschön, dieses Leben.

 Natürlich hatte ich auch traurige Zeiten zu überstehen. Vor acht Jahrzehnten war einige Meilen entfernt ein großes Dorf aus lauter Holzhäusern und hohen Drahtzäunen entstanden. Da konnte ich aus der Ferne viele Menschen in gestreiften Anzügen arbeiten sehen. Manchmal hörte man ab und zu aus der Ferne einige schwarze Männer herumschreien, oft knallte es auch furchterregend von dort, der Wind trug den Schall über das Moor sehr weit.

 Dann an einem warmen Sommertag einige Zeit später hielt unter meinem Baum ein grün-gelb geflecktes Auto, drei Soldaten stiegen aus und holten noch einen anderen Mann aus dem Wagen heraus. Der war noch sehr jung, das konnte ich bemerken. Er zitterte schrecklich, als die Anderen ihn an meinen Stamm stellten, einen langen Strick über einen meiner Äste warfen und damit diesen Jungen hochzogen. Einen kurzen Moment bewegte er sich noch, dann war er still.
Ich spürte, dass dieser Mensch tot war, konnte aber nicht begreifen, warum die Männer das getan hatten. Bis zum Abend hing dieser Körper dort an meinem Ast, abends kamen ein paar Leute aus dem Dorf und nahmen den Jungen herunter.
Ein alter Mann sagte leise zu den anderen: „Der Joachim war doch erst 18, wieso war er ein Feigling? Diese Schweine kennen wirklich kein Erbarmen!“
Das Schild, das dem toten Jungen umgehängt war, zerrissen sie in tausend Stücke, dann brachten sie den Toten fort ins Dorf.

 So etwas habe ich nie wieder erlebt, hoffentlich bleibt mir das auch in Zukunft erspart, sonst wäre es besser, man würde mich auch „fällen“! Das „Lager“, wie man es nannte, wurde später abgerissen. Heute erinnert nur ein Gedenkstein an diesen Ort. Alles andere hat die Zeit unter sich begraben, zusammen mit all den Toten, die dort ihr Leben ließen.
 Ja, ich weiß, auch in meiner früheren Welt war es manches Mal sehr schlimm. Doch diese Art von Leben, wie ich es damals erlebte, blieb einfach in meinem Gedächtnis haften, sodass ich es Euch mitteilen musste. Und das ist nicht erfunden, sondern die reine Wahrheit ...

 

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