Bank im Park

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Frühlingstage verleiten zur Unvorsichtigkeit. Die Sonne schenkt der Haut schon einige Wärmegrade mehr. Und der Wind, der kühle Wind aus Nordwesten hat da für kurze Zeit nicht viel zu melden.
Die Wege im Park sind noch feucht vom Tauwetter der letzten Tage. Der rote Aschenbelag schimmert perlmuttfarben in den Strahlen der Sonne. Unter der Birke mit den tief herabhängenden kahlen Zweigen steht eine kleine braune Bank, sie lädt mich ein:
»Komm, setz dich ein wenig zu mir, ich war so lang allein!«
Der Mann steht vor dieser Bank, überlegt ein Weilchen, nimmt dann von der Zeitung in seiner Tasche ein Blatt und lege es auf diese einsame Bank. Seine Gedanken schalten einfach um, auf die Einladung, er setzt sich, anscheinend gehorsam, auf diese Parkbank, die lange keinen Besuch mehr hatte.
Die Sonnenstrahlen erwärmen seine Haut. Er fühlt sich so richtig wohl an diesem Vorfrühlingstag. Niemand stört seine Gedankenreisen. Als Rentner hat er ja gewissermassen die Annehmlichkeit, den an den Wochenenden stets gut besuchten Park ganz für sich allein zu haben. Herrliche Stunde, irgendwo zwitschert eine Meise etwas voreilig ihre Melodie. Aus der Ferne ruft der Ton einer Glocke zwölfmal die Mittagszeit aus. Ein richtiges wohliges Gefühl!
Zwischen den weit ausladenden Rhododendren die schon voller Knospen am Wegesrand ausgerichtet sind, steht plötzlich ein kleiner Junge. Der Mann auf der Bank schätzt ihn auf etwa sechs Jahre alt. Jeans, ein rot-weisser Pullover und eine gleichfarbige Pudelmütze lassen ihn ein wenig zwergenhaft erscheinen.
Er kommt näher, steht dann neben der Bank.
»Wo kommst Du denn her?« Diese Worte müssen wohl sehr überrascht geklungen haben. Der Kleine schaut ihn an, anscheinend etwas vorwurfsvoll. Dann sagt er leise, in dem er näherkommt: »Ich suche noch!«
»Was hast du denn verloren? Soll ich dir suchen helfen?
«
Ganz langsam schüttelt der Kleine seinen Kopf, in dem er den Mann gleichzeitig anschaut.
»Das geht nicht. Ich suche meinen Traum von heute Nacht.«
Überrascht und auch ein wenig amüsiert fragt der nun zurück: »Deinen Traum? Wie das?«
Der Kleine steht vor ihm, die Arme hängen etwas hilflos am Körper herab, seine Augen blicken glanzlos in die Sonne. An Spuren in seinem Gesicht erkennt der Mann, dass dieses Kind geweint hat.
Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, sieht der alte Mann den kleinen Jungen mit anderen Augen. Er erkennt, dass hier ein Kind vor ihm steht, das in der gleichen Lage ist, in der er selbst vor siebzig Jahren war. Er staunt über die Parallelität eines einzigen Augenblicks ...

***Bank1

Ein 11jähriger Junge sitzt auf einer Bank im Schlosspark einer kleinen ostpommerschen Stadt. Neben ihm ein Soldat in feldgrauer Uniform, eine ganze Reihe von Orden und Ehrenzeichen an seiner Uniformjacke, deren
linker Ärmel leer  an der Seite herunterhängt. Eine quer über ein blasses Gesicht verlaufende blutrote Narbe gibt ihm ein Aussehen, das  schon fast clownhaft erscheint. Das linke Auge ist mit einer schwarzen Augenklappe bedeckt. Die rechte Hand hält eine Ellbogenkrücke, mit der der Soldat Figuren in den Sand zeichnet, die er gleich danach wieder verwischt.
Der Junge hört sich selbst sprechen.
»Darf ich Sie fragen, wo Sie verwundet wurden?«
Der Mann sieht ihn erstaunt an. Schaut dann hinauf zu dem hohen Schlossturm, der von einigen schwarzen Vögeln umkreist wird. Dann sagt er:
»Warum fragst Du mich das? Mich hat noch niemand danach gefragt, das interessiert doch gar keinen. Alle haben heute nur mit sich selbst zu tun. Es geht doch nur noch um das Heute, nicht mehr um das Gestern!«
»Doch«,
sagt der Junge, »mein Vater ist vor zwei Jahren an seinen schweren Verwundungen gestorben. Er hatte auch so eine grosse Narbe im Gesicht. Die hat er sich vor Smolensk geholt, das hat er mir erzählt.«
Der Soldat sieht ihn an. »Das ist gut«, meint er dann.
Erstaunt und böse schaut der Junge den Soldaten an.
»Was reden Sie da, das ist nicht gut! Ich hab jetzt keinen Vater mehr. Ist das etwa gut?«
»Natürlich nicht«,
sagt der Soldat, »das meinte ich bestimmt nicht, das ist sehr traurig,« er legt seine Hand auf dessen hellblonden Kopf und streichelt ihm leicht über das Haar.
»Nein«,
sagt er dann, »ich meine, es ist gut, dass er solch einen Jungen hat, der später davon erzählen kann, welches Unheil der Krieg anrichtet. Wie viel Leid und Elend und Schmerzen und Trauer solch ein Heldentum erzeugt, wie es heute angepriesen wird!«
Seine Stimme wird ganz heiser. Der Junge spürt die Tränen in dieser zitternden Sprache. Es ist dieses Timbre, das dann vorhanden ist, wenn das Gefühl übermächtig wird.
»Ich habe keine Kinder.«
Er spricht traurig weiter, »meine Frau starb kurz nach unserer Ferntrauung bei einem Bombenangriff, zusammen mit meinen Eltern. Ihr Haus wurde völlig vernichtet«.
Der Elfjährige kann nicht anders, er legt seinen Kopf an die Schulter des Mannes. Sie bleiben minutenlang so sitzen. Dann erhebt sich der Soldat ganz vorsichtig, ergreift seine Krücken.
»Ich danke Dir. Es war schön, Dich zu treffen. Alles Gute wünsche ich Dir für die Zukunft. In ein paar Wochen werden die Russen hier sein, hoffentlich bist Du dann weg.«
»Und Sie?«
Er zuckt mit der Schulter.
»Ich weiss es nicht. Ist auch einerlei. Ein Bein. Ein Arm. Ein Auge. Für halbe Menschen hat auch die Nachkriegszeit keinen Platz, glaube ich.«
Er reicht dem Jungen seine Hand und macht sich dann mit mühsamen hinkenden Schritten auf den Weg. Er lässt einen Elfjährigen auf einer Parkbank im Schlosspark zu Stolp zurück, der dieses Treffen niemals vergessen wird.

***

»Sagst Du mir, welchen Traum Du suchen möchtest?« Der kleine Junge sieht den Mann mit traurigen Blicken an:
»Ich weiss es nicht mehr. Ich hab das vergessen. Aber das war ein schöner Traum. Da war unser Zuckerfest. Da waren Mama, Papa und meine kleine Schwester und die Oma und die Tante und noch viele andere. Und die haben zusammen gesungen und getanzt und gelacht und dann haben wir viele gute Sachen gegessen.«
Der Mann blickt ihn ein bisschen verständnislos an.
»Aber, das muss doch kein Traum sein. Das wird doch jedes Jahr bei Euch gefeiert. Ist das denn nicht immer schön? Man hat mir gesagt, der Ramadan wäre das höchste Fest im Islam. So wie bei den Christen Ostern oder Weihnachten.«
Der Junge hebt die Hände in die Höhe, bricht dann in lautes Weinen aus.
»Ja, ja! Das ist es ja auch.«

Er lässt sich neben ihn auf die Bank fallen, schlägt die Hände vor sein Gesicht. Dann erzählt er ihm seine kurze Lebensgeschichte. Eine Geschichte, die sicher tausendfach so erzählt werden könnte, gerade in der heutigen Zeit.
Seine große Familie war im kurdischen Teil des Iraks zu Hause. Im Verlauf der letzten Jahre wurde die ganze Familie, bis auf seine fünfzehnjährige Schwester, bei Überfällen und Kämpfen getötet.
Den Beiden gelang vor zwei Jahren nach vielen Strapazen und Mühen durch die Türkei hindurch die Flucht. Dies war nur mit Hilfe von Täuschungen und Lügen möglich. Der Mann fragte nicht weiter! Er nahm den kleinen Jungen nur in den Arm und so saßen sie noch lange auf der Bank im Park.
Die Geschwister leben jetzt in Deutschland. Und da, da möchten sie, da sollen sie auch bleiben.
Für immer!

 

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