Bombastische Nacht

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Eigentlich war es ja nicht neu. Es gehörte schon zum Ablauf eines Tages, dieses auf- und abschwellende Sirenengeheul. Und die Luftlagemeldungen im Radio hatten es ja auch wieder angekündigt:
 »Feindliche Bomberverbände sind soeben von Norden her in das Reichsgebiet eingedrungen«
Die Sirenen scheuchten dann auch pflichtgemäss die Bewohner des grossen Mietshauses in die Luftschutzkeller. Es blieb diesmal noch nicht einmal Zeit, das mehr oder minder spartanische Abendessen einzunehmen. Die Mutter des Jungen war schon vorher hinuntergelaufen, - als Luftschutzwart war sie für die Vorbereitung verantwortlich, damit alles seinen geregelten Ablauf erhielt. Mit ihrem schwarzen Helm und der blau-weissen Armbinde sah sie irgendwie Ehrfurcht gebietend aus. Trotzdem musste der Junge lächeln, seine Mutter und Ehrfurcht ...
Als er dann mit ihrem Gepäck unten ankam, waren die Bänke auf beiden Seiten des nicht sehr grossen Kellers schon belegt. Im Mittelgang vor den Bänken das jeweilige Gepäck der Menschen, Taschen, Rucksäcke, Koffer.
Alle Bewohner des Mietshauses seiner Strasse hatten sich wieder eingefunden, wie schon an unzähligen Tagen vorher. Und mit zwanzig Personen war der LSR (Luftschutzraum) ziemlich überbelegt.
Hinten, an der Schmalseite des Kellers, stand ein hohes etagenbettähnliches Gestell für die kleinsten Kinder, die da ziemlich ungestört weiterschlafen konnten.
Diese Möglichkeit nahmen sie dann auch ohne Probleme wahr. Toll, er hätte das auch gern getan. Aber mit elf Jahren war er ja schliesslich kein Baby mehr.
Der Junge fand dann noch einen Platz neben gefüllten Wassereimern, Feuerpatschen und Sandkisten. ¹*
»Na, wenigstens bin ich gleich an der Quelle, wenn es dicke kommt«, dachte er so beiläufig.

Er hatte bisher noch nie Angst. An dem Abend genau so wenig, auch wenn es so schien, als wenn es besonders schlimm werden würde.
Mutter stand im Vorraum des Luftschutzkellers, wies einige Leute einem anderen Keller im Nachbarhaus zu. In ihrem Keller war ja wirklich alles belegt. Es war ein Uhr nachts. Seit Stunden ging das nun schon so.
Wieder und wieder, ohne Unterlass ohrenbetäubender Lärm, die Detonationen der Bomben kamen immer näher. Oder schien es mir nur so? Der Luftschutzkeller, notdürftig durch Holzstempel verkleidet, verstärkte das Krachen der Explosionen verständlicherweise doppelt.
Die alte Frau Walter aus dem Hinterhaus versuchte dann gegen zwei Uhr, mit einem Gebet den Lärm zu übertönen. Mittendrin in einem »erbarme dich doch unser, Herr!« dann eine barsche Stimme aus dem hinteren Teil des Kellers. »Halten sie endlich ihren Mund!«
Aus dem Halbdunkel der Petroleum-Beleuchtung  erschien eine Person in schwarzer Uniform. Irgendwo aus einem Stapel Decken versteckt, kam seltsamerweise plötzlich einer der Nachbarn, der Herr Untersturmführer Weber hervor. Die drei Sterne seiner Kragenspiegel leuchteten im Flackerlicht der Lämpchen hell auf.
Nanu? Was tat der denn hier? Hatte sein Töchterchen Marlene, die immer so mit ihrem Vater prahlte, nicht neulich noch gesagt, ihr Papa verteidigt in der Festung Königsberg das Vaterland? Dem Jungen kam das doch ein wenig komisch vor. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen.
Seine Mutter war immer noch im Vorraum. Warum kam sie denn nicht in den Keller? Kurz darauf wieder ein berstendes Krachen, dann ein Geräusch, - als wenn etwas zusammenstürzt. Schien auch so zu sein, die Mutter riss die schwere Eisentür auf und rief in den Keller hinein:
»Das Vorderhaus ist getroffen worden, es brennt!«
Da der LSR sich im Hinterhaus befand, bestand im Grunde keine direkte Gefahr. Trotzdem versuchten nun die Bewohner dieses Gebäudes, dorthin zu kommen.
Die Mutter als Luftschutzwart musste mit Händen und Füssen die Menschen davon abhalten, den Keller zu verlassen. Immer noch krachte es, weitere Detonationen von Bomben erschütterten das Gebäude. Beissender Qualm schlich durch die Belüftungsschlitze der zugemauerten Fenster.
In dieses Tohuwabohu hinein dann die beruhigende Stimme der Mutter des Jungen: »Bleibt doch ruhig, Leute. Ihr könnt jetzt nicht raus. Es wird bald vorbei sein!«

Die alte Frau Wagner rief ihr entgegen:
»Es ist schon vorbei. Es ist alles vorbei. Hoffentlich ist dieser Krieg auch vorbei!«
»Ich bring sie vor den Volksgerichtshof, sie alte Vettel!«

schrie plötzlich von hinten der Herr Untersturmführer.
»Das ist Volksverhetzung!«
 Mitten im Lärm und Krach dort draussen wurde es still. Urplötzlich war es im Keller ruhig. Alle Menschen im Raum, seine Mutter an der Spitze, drängten nach hinten, wo der Herr in der schwarzen Uniform mit blankgewienerten Stiefeln sass.
»Was wollt ihr?« schrie er. Er schrie noch so einiges, bis er ruhig wurde, ganz ruhig. Ich konnte von meinem Platz nicht erkennen, was da vorging. Ich hörte klatschende Geräusche, unartikulierte Laute und vernahm dann noch ein leises »Aufhören!!« der Mutter.bunker

Der Herr Weber stöhnte danach nur noch vor sich hin. Als alle sich wieder gesetzt hatten, sah ich ihn blutverschmiert in seiner Ecke kauern.
Angstvoll schaute er zu den Frauen vor ihm. Auch draussen war jetzt Ruhe eingekehrt. Die Sirene gab das Signal zur Entwarnung, einen langen Dauerton.
Alle erhoben sich, griffen nach den Kindern, nach dem Gepäck.
»Einen Moment noch.«
Frau Wagner sprach ein kurzes Gebet. Alle beteten mit.
Auch der Herr Untersturmführer, der eigentlich religionslos war, da er sich ja immer als »gottgläubig« ²* bezeichnete, erschien mir das schon seltsam.
Also auch der betete das Vaterunser mit, jawohl. Als Dank für die Errettung aus dieser Bombennacht. Er tat ihm ein bisschen leid, der SS-Mann aus der Nachbarschaft. Aber nur einen Augenblick lang.

Bevor sie nun den Keller verlassen konnten, lag noch ein Berg Arbeit vor ihnen: Der Schutt musste weggeräumt werden, der den Ausgang blockierte. Eine ziemlich schwierige Aufgabe, aber nach einer Stunde war es geschafft.
Der erste Blick nach draussen liess sie erschauern.
Das Vorderhaus war verschwunden! Wo es einmal stand, wo sechs Familien ihre Heimstatt hatten, lag nur noch ein qualmender Schuttberg. Alle Menschen aus dem Luftschutzkeller wühlten dann darin herum, um vielleicht noch brauchbare Reste ihrer Habe zu finden.
Mutter nahm ihren Jungen in den Arm. »Das war es«, sagte sie dann. »Von nun an kann es nur noch besser werden.«
Sie sollte recht behalten. Bevor es aber besser werden konnte, mussten sie noch den bitteren Kelch einer Flucht leeren, einer strapazenreichen und erbarmungslosen Flucht, die schon zwei Tage später per Pedes in bitterer Kälte begann ...


¹* Das war das sogenannte kleine Löschwerkzeug, mit dem kleinere Brände gelöscht werden sollten.
 Der Sand diente zur Bekämpfung der kleinen Phosphor-Stabbomben, die mit Wasser nicht löschbar waren.
²* Gottgläubig war ein Begriff des Nationalsozialismus.
Als gottgläubig galt, wer sich von den Glaubensgemeinschaften abgewandt hatte, jedoch nicht »glaubenslos« war.
Dieses Wort galt als „Ausweis besonderer ideologischer Nähe zum Nationalsozialismus“.
 

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