Der Baum!

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Am 3.März des Jahres 1945, einem Samstag, war es noch ziemlich kalt. Frost und Schnee hielten die Landschaft im östlichen Pommern fest im Griff. Das hinderte den elfjährigen Jungen jedoch nicht daran, im Schnee herumzutollen, Zeit hatte er ja nun genug dafür. Schule war seit fast drei Monaten nicht mehr gewesen, die Gebäude seit dem Spätherbst zu Lazaretten eingerichtet worden.
Das Häuschen der Großeltern lag etwa eine halbe Wegstunde entfernt von der Wohnung der Mutter. Keine Entfernung für einen agilen Jungen, der gern draussen herumtobte.
Mutter war an diesem Sonntagnachmittag mit seinem kleineren Bruder bei einer Nachbarin eingeladen. Hier trafen sich die Frauen schon öfter, um die allgemeine Lage zu diskutieren. Es ging da wieder einmal um das Thema »Flucht«, das in diesen Tagen alles andere beherrschte. Den Jungen interessierte es nicht weiter, deshalb sagte der der Mutter, dass er mal kurz zu Oma und Opa gehen wollte, Mutter hatte nichts dagegen und mit der Auflage, spätesten bei Dunkelheit wieder zu Hause zu sein, machte er sich auf den Weg.
Es war wunderschön, durch die verschneiten Straßen zu wandern, dann die Abkürzung über den schneebedeckten Friedhof vorbei an Vaters Grab. Hier machte er kurz Halt und sprach ein paar kurze Worte zu seinem Papa. Das tat er jedes Mal, wenn er hier vorbei kam. Der Stahlhelm auf Papas schneebedecktem Grab sah schon ziemlich ramponiert aus. Na klar, er hing ja auch schon drei Jahre an diesem Kreuz, seit dem Tag, als der Vater mit militärischen Ehren hier begraben wurde.
»Nächste Woche mache ich ihn sauber, bestimmt", sagte er dann zu Papa. Vielleicht hörte er ihn ja?
Und mit einem kurzen »Bis nächste Woche« verabschiedete er sich.
Dann lief er weiter, an dem großen Kreuz am Eingang des Friedhofs vorbei durch die dort anschließenden Parkanlagen. Alle Bäume, alle Büsche schliefen noch in winterlicher Ruhe, warteten auf den Frühling, der ja nicht mehr weit war.
Dort die Bank, voll mit Schnee bedeckt, auf der er im Sommer sonntags mit Opa saß, wenn der dort gemütlich seine Pfeife rauchte. Und dann der Platz, wo die Alten die militärische Lage erörterten.
»Das geht nicht mehr lange gut«, hörte er noch vor ein paar Wochen von den alten Leuten. »Die Russen stehen schon vor Königsberg!«
»Ach was«, meinte da ein anderer, »wenn erst mal unsere Wunderwaffen zum Einsatz kommen, läuft der Russe davon!«
»Ach ja?« Opa hatte sich fürchterlich aufgeregt, »du glaubst auch noch an Märchen, was? Und was war denn mit der Ardennenoffensive? Nach sechs Wochen war alles wieder wie vorher. Nur noch ein paar Tausend Tote mehr!«
»Nee, nee Alfred,« sagte ein anderer, »das Ding geht voll den Bach runter.« baum6
Ja, das war erst vor vier Wochen, und nun sieht schon alles anders aus. Die Front rückte näher, Kanonendonner war schon oft zu hören. Und Fliegerangriffe, davon war die kleine Stadt bisher verschont geblieben, deswegen waren auch sehr viele Menschen aus dem Ruhrgebiet und Hamburg hierher evakuiert worden. Aber das war nun auch vorbei, sowjetische Flugzeuge machten auch hier den Luftraum unsicher. Deutsche Maschinen waren nicht mehr zu sehen, aus Treibstoffmangel wurden sie auf dem Flugplatz ausserhalb der Stadt am Boden zerstört!
Der Junge war nun noch zwei Minuten vom Haus seiner Großeltern entfernt. Da bemerkte er einen Auflauf am Rande des Parkgeländes. Von Neugier getrieben, lief er natürlich ebenfalls hinzu. Dort stand eine große Buche, schon Jahrhunderte alt, um diesen Baum herum in einigem Abstand eine Anzahl Menschen.
Das Gemurmel ihrer gedämpften Stimmen konnte man schon vorher vernehmen. Als der Junge nun näher kam, erschrak er bis in das Innerste seines Herzens.
Am untersten Ast des alten Baumes hing ein Mann in einem grauen Mantel, der Strick um seinen Hals hatte ihm das Leben genommen. Die bläulich angeschwollene Zunge war zwischen seinen Lippen sichtbar, halbgeschlossene glanzlose Augen blickten ziellos in die Menge, die um ihn herum stand. Dann war da noch ein Schild aus Pappe, das ihm jemand umgehängt hatte. Die Aufschrift war eindeutig.
»So sterben Vaterlandsverräter!«
Der Schock dieses Anblicks begleitete den Jungen noch, als er - ohne die Großeltern noch besucht zu haben, - langsam nach Hause ging.
Dieser Mann dort an dem uralten Baum war der Erste in einer Reihe von toten Menschen, die ihn fortan für einige Zeit sichtbar begleiten sollten.
Vier Tage später war er mit seiner kleinen Familie unterwegs, um eben diesem Tod zu entgehen.

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