Ich glaubte an Gerechtigkeit

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Herbst 1944. Ich war im elften Lebensjahr! Im Verlauf einer Woche hatte ich mehrfach den Auftrag innerhalb meines nachmittäglichen Dienstes im Jungvolk (der DJ), für bedürftige Menschen unserer Strasse einige Zentner Kartoffeln zu holen. Die Bauern - man nannte sie bei uns »Ackerbürger« - wohnten in der Stadt, ihre Felder jedoch lagen natürlich weit ausserhalb an der Peripherie des Ortes.
Es war für einen Jungen wie mich gar nicht so einfach, zwei Stunden lang mit dem Handwagen solch eine Tätigkeit auszuführen.
Aber für mich, als »pflichtbewusstem deutschen Jungen« gab es damals kein »geht nicht«! Das wurde uns so eingetrichtert und das war dann eine Tatsache, an der nichts zu rütteln war!
Ich lernte Grischa kennen, als er die besagten Kartoffeln für mich in Säcke abfüllte. Er war ein Junge von 17 Jahren, dunkelblond und mit kornblumenblauen Augen. Ich fühlte mich unbewusst zu diesem sympathischen Jungen hingezogen, gern hätte ich ihn zum Freund gehabt. Wir unterhielten uns, so oft es in dieser Woche ging, er konnte sich gut in der deutschen Sprache ausdrücken. Ich hätte ihn gern nach Hause eingeladen. Das aber war nicht möglich, jedenfalls nicht offiziell!
Denn Grischa war ein Ostarbeiter! Er stammte aus der Ukraine, in Winnizja am Bug zu Hause, war mit vielen anderen seines Alters zwangsrekrutiert nach Deutschland gekommen, um hier als Arbeiter in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die Deutschen waren ja allesamt damit beschäftigt, dem grössten Feldherrn aller Zeiten verlieren zu helfen!

Die sogenannten Ostarbeiter mussten ausnahmslos auf ihrer Kleidung ein Kennzeichen tragen: ein grosses P auf gelbem Grund für einen Polen, ein grosses U auf blauem Grund für einen Ukrainer.
Viele dieser Menschen wurden auch gut behandelt, sie taten dann die zugewiesene Arbeit nach ihren Kräften. Aber leider war die gute Behandlung nicht überall der Fall.
Grischa jedenfalls hatte es nicht gut getroffen. Der Bauer, für den er arbeitete, war ein richtiger - ich muss es mal so ausdrücken - Saukerl. Der junge Grischa hatte seine Schlafstatt in einer Ecke des Kuhstalls, ein Haufen Stroh diente ihm als Bett. Die Verpflegung war miserabel und für jede Kleinigkeit, die dem Hofherrn nicht passte, wurde der Junge geprügelt. Und zwar stets mit einer Reitpeitsche, die der Bauer  mit sich führte.

Freitags, am letzten Tag meines Dienstes hier, kam ich mit meinem Handwagen gegen zwei Uhr auf den Hof. Zwei Säcke Kartoffeln standen schon abholbereit. In einer Ecke der Kartoffelscheune kauerte Grischa, das Gesicht blutüberströmt. Eine klaffende Wunde am Kopf war der Grund. Ich fragte ihn natürlich nach der Ursache dieser Verletzung. Erst nach langem Abwehren und auf mein Drängen hin, erzählte er mir, dass der »Chef«, wie er ihn nannte, ihn mit einer Mistgabel geschlagen habe, weil er fünf Minuten seiner Mittagspause verschlafen hatte!

Ich fasste dann einen Entschluss, der für uns beide bld_098folgenschwer war! Wir luden die Kartoffeln auf den Wagen, dann nahm ich Grischa mit auf die Tour zur Stadt. Am Ziel angelangt, liessen wir den Wagen stehen. Ich begleitete nun meinen Freund Grischa - gegen seinen Willen - zur Polizeiwache im Rathaus am Stephansplatz in meiner Stadt!
Ich betrat mit Grischa die Polizeiwache. Das Blut in seinem Gesicht war inzwischen getrocknet, aber die Wunde auf dem Kopf sah fürchterlich aus und hätte meiner Meinung nach genäht werden müssen.
Die Polizisten in der Wache, sechs oder sieben an der Zahl in grünen Uniformen und dem damals obligatorischen Tschako auf dem Kopf, betrachteten uns misstrauisch. Dann fragte einer, wohl der Wachhabende, was wir wollten. Ich schilderte ihm den Hergang des Geschehens.

Er sah mich an und lachte! Dann fasste er Grischa mit zwei Fingern an seiner Jacke, verzog sein Gesicht zu einem ekelhaften Grinsen und bedeutete einem der anderen Polizisten, mit Grischa in den Nebenraum zu gehen. Ich wollte ihnen folgen, das aber wurde mir verwehrt.

»Du bist ein deutscher Junge, ja? An deiner Uniform sehe ichbld_096, dass du zu unserem Führer gehörst. Gibst dich dann mit diesem Pack ab? Du solltest dich schämen, pfui!«
Er stiess die letzten Worte aus sich heraus, dass sie wie Schmutz an mir hängen blieben. Ich musste ihm noch meine Adresse nennen, die er notierte, anschliessend öffnete er die Tür und schob mich auf die Strasse.

(Meine Mutter erhielt ein paar Wochen später ein Strafmandat über 15,- Reichsmark wegen Verletzung ihrer Aufsichtspflicht!)


Ich habe Grischa nie wieder gesehen, weiss nicht, was aus ihm geworden ist. Allein dass ich mit ihm zur Polizei ging, dass ihm das wahrscheinlich nur geschadet hatte, blieb für mich Zeit meines Lebens ein unvergesslicher schwarzer Punkt ...


 

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