Masseltov

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In einem kindlichen Lebensjahr, irgendwo am Rande seiner Zeit an einem gesichtslosen Freitag und kurz bevor die Welt aus den Angeln zu geraten schien, traf er sie. Sie war nicht älter als er, große dunkle Augen, dunkel glänzendes Haar, ihre wunderschöne Haut von der eisigen Januarkälte krebsrot gefärbt.
Der Junge war fasziniert von der Ausstrahlung dieses Mädchens. Ihre Kleidung war sicher nicht bemerkenswert. Ein langer schwarzer Mantel verhüllte ihre Figur, abgetragene Schuhe, ein verwaschener Schal sowie mehrfach gestopfte Wollhandschuhe vervollständigten ihr Aussehen. Auf ihrem Mantel ein gelber Stern, anscheinend so eine Art Schmuck? Und dann ihre Augen, diese dunklen Augen verzauberten mich, alles andere war nebensächlich.
Kurz vor dem kleinen Tante-Emma-Laden, der sich hochtrabend und dem Stil der damaligen Zeit angemessen, »Kolonialwarenhandlung« nannte, begegneten sie sich. An der Hand ihrer Mutter, ebenso ärmlich gekleidet, stand sie urplötzlich vor ihm. Fast gleichzeitig wollten sie zu dritt den kleinen Laden betreten. Mit hochrotem Kopf vor Verlegenheit ließ er ihnen den Vortritt, und irgendwie kam es dabei zu einem kleinen, von lächelnden Gesichtern erhellten Gedränge.
Der Junge kam diesem Mädchen ganz nah, er berührte sie, unfreiwillig zwar, aber mit einem unvorstellbaren Gefühl von Zuneigung. Was war das nur? Was ging in diesem Augenblick in ihm vor? Er wusste es nicht, er erkannte nur, dass er völlig verwirrt und zu keinem klaren Gedanken fähig war. Es war solch ein Gefühl, so unvorstellbar, er spürte es noch lange Zeit!
Madchen1

Mutter und Tochter stellten sich ganz in eine Ecke des Ladens. Außer ihnen und der Inhaberin, -die Kinder nannten sie alle nur »Tante Irmgard«,- war niemand im Laden. Er wusste auch nicht, warum Tante Irmgard ihn unbedingt zuerst bedienen wollte. Das genau war es aber, das er entgegen seiner sonstigen Art, nicht wollte. Er wollte mit diesem Mädchen ja noch länger in einem Raum sein, wollte sie immer wieder ansehen, ihre unergründlichen Augen versetzten ihn in eine Art Trance.
 Mitten zwischen Sauerkrautfass und den Kisten voller Steckrüben saß er dann und bewegte sich nicht von der Stelle! Tante Irmgard blieb einfach nichts anderes übrig, als die beiden vor ihm zu bedienen.
Obwohl er nur Augen für das Mädchen hatte, nahm er auch wahr, dass Tante Irmgard dort hinter dem Ladentisch ständig etwas verpackte und verschnürte. Im Zeitalter der Lebensmittelkarten war das immer etwas, auf das die Kinder ein Auge haben sollten, so wurde es ihnen von den Erwachsenen eingeprägt. Er hatte also ein Auge darauf! Dort wurde ein Brot eingepackt, ein Würfel Margarine, Salzheringe, und auch ein Stück Käse. Und, was ihn erstaunte: Es wurde nichts bezahlt. Das war nicht unbedingt verwunderlich, viele Leute ließen damals einfach »anschreiben«!
Aber, und das erstaunte ihn dann doch, es wurden auch keine Lebensmittelkarten benutzt! Tante Irmgard blickte währenddessen immer wieder vorsichtig durch das Ladenfenster. Seltsam fand der Junge das schon, aber seine Verliebtheit in dieses bezaubernde Mädchen, diesen engelhaften Traum, ließen ihn alles vergessen.
Er zitterte förmlich, wenn sie ihn ansah, und sie sah ihn sehr oft an, verstohlen zwar und von der Seite, aber ihr Interesse am ihm schien so offensichtlich zu sein, dass sogar ihre Mama sie sanft zu sich herumdrehte und sie dabei leicht strafend anschaute.



So vergingen die Minuten und dem Jungen erschienen sie wie Stunden in einem Traum. Ein Traum, aus dem er erst erwachte, als Tante Irmgard nach seinen Wünschen fragte. Ich hatte alles vergessen. Er wusste nicht mehr, was er für Mutter einholen sollte! Er stotterte nur so vor sich hin, Tante Irmgard lachte hell auf, sie hatte solch ein glockenhelles Lachen, dass man am liebsten ständig hätte hören mögen. Irgendwie bekam er dann aber doch seine Einkäufe, die Gedanken, die Lebensmittelmarken und das eben Erlebte unter einen Hut.

Es war ein Kaleidoskop von Gefühlen, das einfach in seinem jungen Geist nicht zu ordnen war. Aus allem jedoch ragte dieses Mädchen hervor. Kaum vernehmbar hörte er ihre Worte, die sie ihm beim Hinausgehen ganz leise zuflüsterte. Ganz verschämt und wahrscheinlich nur für ihn verständlich, zu der Zeit aber auch nicht begreifbar! Er wusste einfach nicht, was sie meinte!
»Gitt schabbes!«  (Schöner Sonntag)
Es waren diese Worte, die er damals hörte, als sie an ihm vorüberging, diese Worte, deren Sinn er erst viel später erfuhr, weil darüber nicht gesprochen wurde, diese Worte, die er aber niemals vergaß:
»Gitt schabbes!«
Es vergingen viele Tage und Wochen. Der Frühling hatte Einzug gehalten, der Junge jedoch war in gewissem Sinne mitten im Winter stehen geblieben.
Schneeglöckchen statt Maiglöckchen, obwohl es genau anders sein sollte. Trotz intensivem Suchen, Ausschau halten auf dem Schulweg, auch auf dem Schulhof, er fand dieses Mädchen einfach nicht mehr.
Unruhig war er auch durch die Nachbarstraßen seines Stadtviertels gestreift. Ohne Ergebnis. Obwohl schon eine lange Zeit vergangen war, nirgendwo auch nur eine Spur dieses Traums. Seine Mitschüler verspotteten ihn schon als »Tagträumer«, es störte ihn nicht im geringsten.

Endlich, viele, viele Tage waren vorüber, fasste er sich ein Herz und vertraute sich seiner Großmutter an. Sie sah ihn lange an, sehr lange, sehr verständnisvoll, streichelte ihm über das Haar. Dann seufzte sie ganz tief, schaute ihm in die Augen und sagte dann:
»Warum gerade dieses Mädchen?«
Sie schwieg eine Zeit lang.
»Sie ist die Tochter unseres früheren Arztes, Dr.Rosenbaum. Diese Kleine, das ist die Miriam!«
 
Es klang wie Musik in seinen Ohren, Miriam! Eine fremde Melodie, für ihn war es, als würden im Garten Blumen singen und die Vögel dazu Reigen tanzen.
Miriam. Und dann sagte seine Oma noch etwas für ihn Unverständliches:
»Bitte, forsch da nicht weiter nach. Es ist sehr gefährlich. Für sie, für dich, für uns alle! Sie darf auch nicht mit euch spielen. Sie darf nicht in die Schule gehen!«
Rätsel über Rätsel. Er verstand nicht, was Oma damit meinte. Warum ist es gefährlich, einen Menschen zu suchen, den man über alles in der Welt gern hat? Warum durfte sie nicht die Schule besuchen? Warum musste das so sein?
Docher träumte weiter seinen Traum von einer Kinderfreundschaft, von einer Kinderliebe! Er suchte trotz aller Warnungen weiter, vergeblich. Er fand sie nicht. Monatelang war sein Suchen erfolglos. Sein Traum, sein Kindertraum war unauffindbar!

Später, irgendwann im Herbst des gleichen schmerzvollen Jahres aber ging sein Traum in Erfüllung! Leider anders, als er es sich hätte erhoffen können. Ihre ganze Schule war zum Ernteeinsatz bei den Bauern der Umgebung angefordert, zum freiwilligen Ernteeinsatz.
Sie taten es gern, befreite es die Kinder doch von der lästigen Schule. Früh am Morgen, etwa gegen 5 Uhr, es war schon relativ hell, versammelten sich alle Schüler und Lehrer seiner Schule auf einem Platz in der Stadt.
Sie warteten auf die Fahrzeuge, die sie aufs Land bringen sollten. Ähren sammeln war angesagt.
Dieses Nachlesen der Ähren nach der Getreideernte war damals eine wichtige, aber auch beliebte Schülerbeschäftigung
All seine Mitschüler waren damals beim Jungvolk der HJ, wie er selbst. Bekleidet waren sie mit dem braunen Hemd und schwarzem Halstuch mit Lederknoten, der obligatorischen Bekleidung.
Aufgeregtes Geplapper, hier und dort ein Gerangel, von den Lehrern und Aufsichtspersonen war kaum Ordnung in den wilden Haufen zu bringen.
Und dann kamen die Lkws. Es waren zwei, offen und ohne Verdeck. Wir drängten uns an die Straße vor, jeder wollte natürlich der Erste sein.
Aber was war denn das?
Die Lastwagen waren ja schon besetzt? Wie sollte das gehen? Die Wagen waren voll beladen. Mit Frauen, Kindern und alten Männern. Sie standen auf diesen Lastwagen, mühsam einen Halt suchend. Ein wenig Gepäck, ärmliche Kleidung.
Und auf dieser Kleidung trug jeder von ihnen einen gelben Stern!
Gezeichnet mit einem gelben Stern. Ausgezeichnet mit einem gelben Stern! Und darin die Inschrift: Jude!
 Einer aus seiner Schülergruppe rief laut: »Saujuden!« Der Junge erschrak. Das waren also die Juden, von denen sie so viel gehört hatten, mit Abscheu wurde in der Schule davon gesprochen. Das waren sie also!
Alle Schüler johlten laut und schrien unflätige Worte zu ihnen hinauf.
Und auch er selbst schrie kräftig mit! Warum? Psychologen wissen darauf sicher eine Antwort.
Und diese Menschen? Sie sagten nichts, stumm blickten sie von dem Wagen auf uns herunter. Es waren unsäglich traurige Blicke, mit denen sie diese Kinder, diese uniformierten jugendlichen Helden ansahen.

Und dann - dann traf es ihn wie ein Keulenschlag, der letzte Schrei blieb ihm im Halse stecken. Seine Augen glaubten nicht, was sie sahen.
Dort stand sein Traum! Sein Traum hatte ihn gefunden. Miriam. Bei diesen Juden. Miriam, die er ständig gesucht hatte.
Dort oben auf dem Wagen, neben ihrer Mutter und noch vielen anderen Menschen. Sie war es, und so sieht er sie noch heute vor sich! Die kleine zaghafte Geste des Erkennens, ein verstohlenes, verschämtes Lächeln in ihrem schmalen Gesicht, in diesem Gesicht, das er Monate lang vor sich gesehen hatte.
Der Lastwagen musste kurz stoppen. Es war ein Meter, ein winzig kleiner, riesengroßer Meter, der ihn von ihr trennte. Dann hörte er ihre Stimme, wieder so leise, wie sie damals in dem Laden zu ihm gesprochen hatte.
Sie flüsterte: »Masseltov!«
Und noch einmal: »Masseltov!«
Zweimal das gleiche Wort! Er verstand sie nicht.
Tonlos versuchte er, diese Worte nachzusprechen, seine Lippen formten diese Worte. Ein fast unsichtbares Nicken von ihr war die Antwort.
Und er? Er wagte es tatsächlich, ihr kurz zuzuwinken! Er wagte es, inmitten dieser wilden, grölenden braunen Horde ihr zuzuwinken!
Dann war es vorbei. Dann war alles vorbei! Die Lastwagen fuhren wieder an. Er suchte noch einmal ihre wunderschönen Augen, sah sie nicht mehr. Hinter der Kurve verschwanden die LKWs mit diesen Menschen darauf.
Einige Zeit danach kamen dann auch die Wagen, die die Kinder aufs Land bringen sollten.
Obwohl er ja schon viel durch Propaganda gehört hatte, fragte er einige Tage danach seinen alten Lehrer, der für ihn fast wie ein Vater war, nach diesen Menschen dort auf den Wagen.

Er schwieg zunächst. Dann sah er ihn lange an, wollte eine erklärende Bemerkung machen und sagte dann jedoch nur vorsichtig:
»Ach, die - die werden alle umgesiedelt, in den Osten, dort passen sie besser hin als hier ins Reich!«
Umgesiedelt! Passen besser! Der Junge verstand das nicht. Er versteht es heute noch nicht. Er will es auch nicht verstehen.
Nachträglich, viel später aber hat er dann Miriam verstanden, ohne Worte.Er verstand ihre verstohlene Bewegung, ihren Blick, der ihn wie eine Protuberanz der Sonne mitten ins Herz traf und ihn damit prägte in seiner Einstellung zur Geschichte.
Der Junge hat Miriam in seiner Erinnerung behalten, so wie sie war, wie er sie liebte, kindlich und rein und er denkt auch heute noch an sie ohne Pathos, aber mit dem Gefühl der Traurigkeit im Herzen.
 ”Masseltov!” »Viel Glück?«
Sie hatte es nicht, dieses Glück. Er hat nie wieder etwas von ihr gehört. Wahrscheinlich wurden die Rosenbaums in ein  Ghetto abgeschoben. »Umgesiedelt.«
Ein Jahr später gab es dann dieses Ghetto nicht mehr! Aber es gab Auschwitz, Treblinka, Sobibor,  Majdanek. Aber das wusste Miriam noch nicht. 
Auch er wusste es nicht. Und viele, die es wussten, wussten es später auch nicht mehr!
Und - vor allem: Viele, die es heute wissen müssten, die Unbelehrbaren, wollen es nicht mehr wissen!
Der Junge von damals schämt sich unendlich, dass er zu diesen Menschen gehört hat. Und in Gedanken glaubt er, dass er dadurch schuldlos schuldig geworden ist ...

***

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