Weihnachtsfrieden

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Der alte Herr freute sich jedes Mal, wenn er ihn sah, den fünfzehnjährigen Jungen, der ihn immer besuchte. Jeden Morgen schaute er bei ihm ins Zimmer, meist nur kurz, aber er vergass diesen Tagesablauf nie. Das Gesicht des älteren Mannes mit den eingefallenen Wangen war ihm anfangs ein wenig fremd vorgekommen, vielleicht lag es an dem absonderlichen Aussehen der Haut, die gelbgraue Tönung und die tiefen wettergegerbten Furchen. Aber schon kurz darauf waren es seine leuchtenden hellblauen Augen, die den Jungen immer anstrahlten! Dazu kam dann auch noch, dass Opa Akkermann aus Ostfriesland stammte, dieser zweiten Heimat des Jungen, die ihn so herzlich in ihre Arme aufgenommen hatte.
 

An einem Morgen, es war am Tag vor dem Heiligen Abend, war er wieder auf einer Stippvisite bei ihm.
»Moin, Opa Akkermann«, sagte er wie immer beim Betreten des Zimmers. Der winkte matt mit einer Hand, »Na mien Jung, bliev man lever dor stahn, mi geiht dat vandage nich so goed«.
Der Junge erschrak, so hatte er ihn noch nie reden hören. »Wat prootst du dor, Opa Akkermann, ik will di doch man blots de Hand geven«.
Er trat einen Schritt näher.
»Nee, mien Jung, lot dat man, ik will nich, dat du ok de Motten hest. Averst, wat ik noch seggn wull, wenn du weer in Ostfreesland büst, denn bestell man moie Groeten an mien Eems, deihst du dat?«
»Och nee Opa, so wat muss du doch nich seggn. De kanns du wiss sülm groeten!«

Der Junge war ziemlich schockiert, liess Opa Akkermann das aber nicht merken. Unbewusst spürte er, auch wenn er erst fünfzehn Jahre alt war, dass Opa Akkermann bereit war, das Irdische hinter sich zu lassen.
Er ging dann an sein Bett, gab ihm die Hand, streichelte sie kurz.
»Ik kiek denn morgen nochmol in, nich?«
Er hatte den Türdrücker schon in der Hand, als der Alte eine Hand hob und leise sagte: »Ja, do dat man!«
Für alle auf der Station war er einfach immer »Opa Akkermann«. Dabei war dieser höchstens 40 Jahre alt, der Krieg und die lange Gefangenschaft im fernen Sibirien hatte ihn so altern lassen. Genau wie fast alle anderen Mitpatienten des Jungen, mit denen er auf seiner Station in der Lungenheilstätte Schwarzenborn II am Knüllgebirge in Hessen zusammen war.
Der Fünfzehnjährige Junge war damals am Ende des Jahres 1949 der jüngste Patient, der hier seine Tuberkulose auskurieren durfte. Gerade ins Berufsleben als Binnenschiffer eingestiegen, überfiel ihn diese Krankheit naturgemäss wie ein Gewitter. Gottlob ohne Blitzeinschlag, denn die Tbc war nicht offen, sondern aus einer Rippenfellentzündung hervorgegangen. Auch eine Folge der Flucht und der harten Nachkriegswinter der Zeit.Gipfelkreuz
Die meisten der Patienten dieser Heilstätte zu dieser Zeit waren ehemalige Soldaten, die die Todeslager in Sibirien überlebt hatten und nun in der Heimat ein neues Leben anfingen, das eben mit der Genesung von dieser heimtückischen Krankheit beginnen konnte. Einige von ihnen waren gerade mal 24 Jahre alt, sie erzählten von Geschehnissen im Gefangenenlager in Sibirien, an die man sicher im Traum nicht denken würde!
Der Junge hatte das Glück und die Möglichkeit, diese Krankheit im Laufe von 9 Monaten voll auszukurieren. Dieses Weihnachtsfest 1949 war das Erste, das er fern von seiner kleinen, zusammengeschmolzenen Familie verleben musste. Aber die Männer auf seiner Station und auch die Schwestern taten alles, um ihm diese Zeit erträglich zu machen, das Heimweh zu überstehen und selbst mit kleinen Geschenken »ihr Kind, den kleinen Schiffsjungen aus Ostfriesland« zu beschenken.

Diese Menschlichkeit vergass er niemals, er weiss seitdem, dass keine Zeit so schwer ist, dass sie nicht in den Seelen der betroffenen Menschen nachwirken kann.
Am Morgen des Heiligen Abends ging er zum letzten Zimmer auf dem Flur, dort wo Opa Akkermann wohnte. Als die Stationsschwester Charlotte ihn sah, lief sie ihm eilig nach, zog ihn ins Stationszimmer.
»Herr Akkermann ist nicht mehr da!«
Der Junge sah sie verständnislos an.
»Er hat uns gestern Abend verlassen«, sagte sie dann. »Ich soll dich noch ganz herzlich grüßen, und diese beiden Zahnpastatuben soll ich Dir geben, er braucht sie nicht mehr.«
Da wusste er plötzlich, was Schwester Charlotte meinte. Er schlich sich aus dem Schwesternzimmer, traurig und verstört. Schaute dann hinüber zum dunklen Tannenwald. Dort hinten am Waldrand stand die Baracke, in der die Verstorbenen bis zur Überführung verblieben.
Opa Akkermanns Weihnachten hatte ihm Frieden gebracht. Er hatte in den letzten Wochen unsäglich gelitten, still und ohne Groll. Das sagte am Nachmittag der Stationsarzt, als er den Jungen so verstört sah.
»Du sollst das Weihnachtsfest fröhlich mit allen feiern«, sagte er dann zu ihm. »Herr Akkermann hätte das so gewollt«!
Und so wurde es doch am Ende für ihn ein wunderschöner Heiliger Abend im grossen, liebevoll geschmückten Speisesaal der Heilstätte am Knüllgebirge.
Aber Opa Akkermann aus Ditzum in Ostfriesland wurde von dem Jungen nie vergessen. Er hatte genau das, wovon viele Menschen damals und heute träumen: Frieden auf Erden!
Für ihn jedenfalls war es der Friede.

***

 

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