Ziellos am Ziel

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Angekommen

Der 22.März 1945 ist ein kalter Nachwintertag. Am frühen Vormittag trifft eine größere Gruppe von Flüchtlingen auf dem Bahnhof in Leer/Ostfriesland ein. Nach einer langen Flucht von Gotenhafen über die Ostsee kommen sie nun nach dreitäger Fahrt mit vielen längeren Stopps und Haltezeiten mit dem Zug aus Warnemünde an. Dies ist der Endpunkt einer beispiellosen Aktion, bei der sie wie hunderttausend andere Menschen von der deutschen Marine vor den heranrückenden sowjetischen Truppen gerettet wurden.
Der Bahnhof in Leer: Ein trostloses Bauwerk, mit hoffnungslos in den Nachthimmel strebenden Eisenträgern, die schmutzig-schwarzen Scheiben der Bedachung bemühen sich, noch den düsteren Eindruck des Ganzen noch zu verstärken.
Die Flüchtlinge, aufgefordert den Zug zu verlassen, stehen wie Fremdkörper verloren und frierend mit ihren Habseligkeiten auf dem Bahnsteig, bis sie dann nach und nach über die Treppen in die Bahnhofshalle geleitet werden. Dann aber kümmert man sich doch rührend um sie. Viele helfende Hände greifen zu, um die frierenden Menschen zu betreuen. 
Die Helferinnen von der NSV und dem BDM tragen viel dazu bei, dass die trostlosen Blicke der Frauen und Kinder ein klein wenig hoffnungsvoller werden. Und mit einem Teller Suppe im Magen sieht auch die Welt wieder etwas freundlicher aus. Menschen in Not sind so leicht zufriedenzustellen, man muss ihnen nur die Hand entgegenstrecken und sie als das anerkennen, was sie sind: Menschen!
Nach einem kleinen Imbiss geschieht die Aufteilung der Flüchtlinge auf verschiedene Dörfer des Landkreises. Etwa vierzig Personen, ausschließlich Mütter mit Kindern jeden Alters, werden dem Ort Bingum zugeteilt.

Zwei Lastwagen der Wehrmacht bringen die Menschen dann noch am gleichen Abend in den Ort, der dann für einige Jahre ihr neues Zuhause werden sollte.
Bingum ist ein wunderschönes kleines ostfriesisches Dorf direkt an der Ems im Süden des Rheiderlands, heute in die Stadt Leer/Ostfriesland eingemeindet. Damals jedoch, im Frühjahr 1945, in den Wirren der letzten Kriegstage, als dieser kleine, etwas verschlafene Ort eine neue Heimat werden wollte, ist hier die Zeit regelrecht stehengeblieben.
Das erste Nachtlager für die Flüchtlinge ist ein Klassenzimmer der Dorfschule. Hier begrüßt sie neben dem Bürgermeister auch ein großes Bild in vergoldeten Rahmen. Es ist natürlich, man ahnt es schon, ein Konterfei Hitlers, dem GröFaZ!
Für diese erste Nacht werden Strohsäcke ausgelegt. Jeder ist froh, seine müden Knochen ausstrecken zu können. Doch auch die inzwischen verteilte Suppe findet bei den ausgehungerten Flüchtlingen reißenden Absatz. Irgendwie freut sich jeder, dass er zur Ruhe kommt. Trotz aller Fremdheit hat sich ein Gefühl des »Angekommensein« bei allen Menschen eingeschlichen.
Der Ortsgruppenleiter der NSDAP und auch der Bürgermeister des Dorfes versprechen, gleich früh am Morgen die Neuankömmlinge im Ort auf verschiedene Häuser zu verteilen.
Der Mutter des Jungen, durch eine Kniegelenkentzündung schwer gehandicapt, geht es gar nicht gut. Die Anstrengungen der letzten Tage haben ihr arg zugesetzt.
Auch sein kleiner Bruder hat Schmerzen, er weint leise vor sich hin, die Mittelohrentzündung macht ihm zu schaffen. Eine Gemeindeschwester bemüht sich rührend um den Jungen, bis er sich letztlich doch mit einigen Medikamentgaben in den Schlaf weint.
Trotz der großen Müdigkeit der Menschen im Klassenraum findet doch noch ein lebhafter Austausch von Erlebnissen und Gedanken statt. Erfahrungen, Leiden, Meinungen werden ausgetauscht.
Mehr oder weniger nimmt jeder Anteil an den Erzählungen der Mitflüchtlinge. Die meisten sind jedoch mit sich selbst beschäftigt, den eigenen Leiden und Erlebnissen. Es summt wie in einem Bienenstock, dazwischen ist auch schon hin und wieder das erste helle Lachen zu hören. Es ist ein Vorbote einer lebendigen Hoffnung!
Endlich, nach Stunden kehrt dann Ruhe ein. Alles schläft in den neuen Tag hinein, von dem noch keiner weiß, was er bringen wird. Ein neues Daheim?
Es ist früh am Morgen. Keinerlei Möglichkeit, sich irgendwie frisch zu machen. Dann stellen sich so langsam die Verantwortlichen des Dorfes ein. In der Nacht müssen wohl Listen angefertigt worden sein mit den Plänen zur Unterbringung der Heimatlosen. Zunächst erhalten alle Flüchtlinge große Vorratsrationen für die nächsten Tage, da die vorhandenen Lebensmittelkarten hier keine Gültigkeit haben. In einem großen Karton verstaut, wird dieses neue Gepäck doch freudig begrüßt.
Dann folgt die Aufteilung der Menschen auf vorhandene Quartiere. Der große Junge, Mutter und das Brüderchen erhalten eine Zuweisung zu einem Bauern, der außerhalb in einem kleinen Ortsteil seinen Hof hat. Sie werden mit einem Pferdefuhrwerk dorthin gefahren, stehen danach etwas verloren auf diesem Bauernhof, unsicher und zweifelnd sehen sie sich hier um.
Ein Bauer, der Hofbesitzer, von dem Fahrer herbeigeholt, nähert sich langsam den ihm nicht unbedingt vertrauenerweckend aussehenden Menschen. Bleibt dann stehen, geht um sie herum und fährt dann den begleitenden Bürgermeister auf Plattdeutsch unwirsch an:
»Wat schall ik mit de anfang`n? De köönt doch nich arbeid`n. Ik hebb dat extra meld, dat ik Lüe hebb`n will, de hier up de Hoff arbeid`n köönt! Un nu dat Volk hier«
 Der Bürgermeister schaut zunächst verlegen drein, stellt sich dann neben die kleine Familie und sagt dann gereizt auf Hochdeutsch:

»Hör zu, Jan! So geht das nicht. Das sind keine Fremdarbeiter, ist dir das nicht bekannt? Dass dir deine Polen weggelaufen sind, ist doch deine Schuld. Dies hier sind Flüchtlinge aus dem Osten, die alles verloren haben! Und die müssen doch irgendwo untergebracht werden!«
Der Bauer sieht ihn grimmig an, knurrt etwas in sich hinein, das wie: »Obers nich bi mi, ik will dat Pack nich seihn!« klingt, dreht sich um und geht zurück in seinen Stall. Die Bäuerin, inzwischen hinzugekommen, winkt den drei Menschen wortlos zu und führt sie dann in eine Kammer, die direkt an den Stallungen gelegen ist. Sicher waren hier früher die Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine untergebracht.

Der Junge schaut seine Mutter an, sieht sie weinen und rennt wutentbrannt los, dem Bürgermeister hinterher. Er baut sich vor ihm auf und lässt seiner Wut freien Lauf. Seine Stimme überschlägt sich fast, als er ihm seine Meinung unverblümt an den Kopf wirft. Der Jensen, der Bürgermeister ist völlig perplex, kann nicht reagieren. Anscheinend hat er solch einen Wutausbruch eines Kindes noch nicht erlebt. Schließlich zieht er den Jungen an sich, legt ihm beruhigend eine Hand auf den Kopf. Dann verspricht er ihm, umgehend für eine Lösung dieses Problems zu sorgen, verspricht ihm das in die Hand!
Der Junge geht zurück zu seiner Mutter, beruhigt die immer noch in Tränen aufgelöste Frau mit dem Versprechen des Bürgermeisters. Er glaubt diesem Mann einfach, hat Vertrauen zu ihm gefasst.
Und wirklich, kaum zwei Stunden später werden sie abgeholt und bekommen ein leer stehendes Haus direkt im Ortskern zugewiesen. Einige Möbel sind vorhanden, andere Sachen, zwei Betten, Decken, Geschirr und viele Gebrauchsgegenstände werden von einheimischen Nachbarn vorbeigebracht, wortlos und mit einem Händedruck abgegeben.


Der Große sieht seine Mutter nach langer Zeit wieder lächeln, unter Freudentränen bedankt sie sich für die vielen Gaben, die die kleine Familie bekommt. Und dann, es ist kaum zu glauben, kommt ein Fuhrwerk mit einer Ladung von schwarzem Torf und lädt es vor dem Haus ab! Mutter ist ratlos, was soll sie damit anfangen?
»Ja«, sagt der Mann auf dem Pferdewagen, »ja, dat is man blots, dat ji nich klööm mööten, is ja noch bannig kolt!14«
Mutter ist nun völlig verwirrt. Sie kennt das natürlich nicht, dass man mit schwarzem Torf heizt.
Der Junge erklärt es ihr. Er versteht die plattdeutsche Sprache schneller als die Mutter. Der Herd in der Küche ist schnell angeheizt, und so ist es bald gemütlich warm in dem kleinen alten Landarbeiterhaus. Irgendjemand hat eine große Flasche Petroleum hingestellt. Mutter und Sohn sehen sich fragend an, bis sie bemerken, dass die große Petroleumlampe, die von der Balkendecke herunterhängt, damit befüllt werden muss. Elektrizität ist hier in diesem Haus noch nicht vorhanden! Aber das erscheint völlig nebensächlich, sie haben eine menschenwürdige Unterkunft gefunden. Der Kuhstall bei dem Bauern ist schnell vergessen.
Der Tag vergeht mit dem Einräumen der gespendeten Sachen und am Abend kehrt beim Lampenschein nach langer Zeit wieder ein Quäntchen Zufriedenheit in der kleinen Familie ein. Später schaut noch eine Nachbarin vorbei. Sie bringt auch die Gemeindeschwester mit, die dann das kranke Bein der Mutter versorgt. Der kleine Bruder bekommt auch noch Medikamente gegen seine Mittelohrentzündung.
Die beiden Frauen bemühen sich, nicht Plattdeutsch zu sprechen. Sie bemerken, dass Mutter sie sonst kaum versteht.
Als dann alle später in den Betten auf ihren frisch gefüllten Strohsäcken liegen, hat dieser ereignisreiche Tag noch einen wunderbaren Abschluss gefunden.
Es ist Mutters 32. Geburtstag, den sie selber vergessen hat.
Der Junge, ein Kind und doch kein Kind mehr, wird diesen Tag nie mehr vergessen!

Wie ein Kind, das von dem Vater
ließ auf einen Gaul sich heben,
also reitest du, o Bruder,
also reite ich durchs Leben.
Weil des Rosses Zaum wir halten,
glaubst du, dass wir es regieren?
Sieh, der Vater geht daneben,
an dem Halfter es zu führen.
(- Wilhelm Müller, Epigramme, Menschenfreiheit -)
 



Es geht immer weiter!

Nach einer Woche haben sie sich eingelebt. Die notwendigen Lebensmittelkarten sind auch schon verteilt worden. Damit können sie nun in einem der Dorfläden Sachen einkaufen, die sie schon lange Zeit nicht mehr hatten!
Dazu noch Kleidermarken, denn für die Kleidungsstücke, die man in der etwa 3 km entfernten Stadt einkaufen kann, wird eine gewisse Anzahl von diesen Kleider-Punkten abgezogen.
Hier in Leer, der Kreisstadt, kann man noch einige wichtige Sachen mit Bezugscheinen erwerben. Eine Anzahl Decken, dann Kissen, Mäntel und vor allem Schuhe! Die Schuhe der drei Menschen bestehen fast nur noch aus notdürftig geflickten Überresten.

Der Junge hat von einem einheimischen Nachbarsjungen ein Paar Holzschuhe geschenkt bekommen, sogenannte »Klumpen« ! 15 Irgendwie hat er sich schnell an das Gehen darin gewöhnt. Alle anderen Kinder des Dorfes laufen ja auch ausnahmslos darin herum. Mit Kleidung ist es allerdings nicht so weit her.

Mutter hat aus den gekauften blaugrauen Decken aus Luftwaffenbeständen jeweils einen schicken Anzug für die Kinder genäht. Und das ohne Nähmaschine. Die blousonartige Jacke ist der ganze Stolz des großen Jungen, um diese wird er da von vielen anderen Jungen beneidet.
Am darauffolgenden Sonntag ist Mutter mit den beiden Kindern von einer alten Dame in der Nebenstraße zum Mittagessen eingeladen. Welch ein Ereignis für die drei Menschen! Auf dem Speisezettel stehen eine geröstete Griessuppe mit vielen herumschwimmenden Fettaugen, ein leckerer krosser Schweinebraten mit Rotkohl, zum Nachtisch Birnen aus eigenem Garten mit Vanillinsoße.
Es ist wirklich ein Festschmaus, lange vermisst und Mutter bricht natürlich wieder in Tränen aus. Frau Harms, die Gastgeberin, wehrt allen Dank mit Vehemenz ab. Dann erzählt sie von ihren beiden großen Söhnen.
Einer ist seit langer Zeit an der Ostfront vermisst, der andere kam von einer Feindfahrt mit dem U-Boot nicht zurück. Die alte Dame steht nun mit ihren 70 Jahren völlig allein im Leben. Gottlob hat sie noch ihr eigenes Häuschen. Mutter geht um den Tisch herum, umarmt die alte Frau und beide liegen sich minutenlang weinend in den Armen.
Hier bei Frau Harms wird der Junge später noch sehr oft eingeladen werden. Es ist vielleicht möglich, dass die alte Dame einen ihrer gefallenen Jungen in ihm sieht.
Es ist ein Tag, der den Jungen wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt. Aber noch ist Krieg, die Allierten haben schon den Rhein überschritten; im Osten tobt der Kampf um Berlin. Und an die dauernden Durchhalteparolen glaubt noch nicht einmal Nachbars Schäferhund!
Dann kommt von irgendwoher die Nachricht, dass die britischen und kanadischen Truppen bereits 30 km vor der Ems stehen, alles im Dorf macht sich für den Tag bereit, an dem der Krieg zu Ende geht!
 

Die Vergangenheit und die Gegenwart
sind unsere Mittel.
Die Zukunft allein ist unser Zweck.

(-Blaise Pascal-)
 


Und wieder auf der Flucht?

Die Stadt Leer soll verteidigt werden, jawohl, bis zum Endsieg! Das Dorf Bingum liegt auf der westlichen Seite der Ems und gerade von dieser Seite her kommen die alliierten Truppen, um endlich diesem Kriegstreiben ein Ende zu bereiten.
Wird es ein Frieden sein? Was ist Frieden? Hört dann die Gewalt auf? Wie kann denn jemand ohne Gewalt Frieden hervorzaubern, wenn andere Leute genau diese Gewalt dazu benutzen, solch einen Frieden zu erkämpfen? Welch ein Widersinn liegt in der Aussage: »Wir erkämpfen den Frieden!«
Die Jann-Berghaus-Brücke, die große Drehbrücke über die Ems, wird am 24.April 1945 gesprengt. Der Übergang der feindlichen Truppen über den Strom soll verhindert werden. Welch eine glorreiche Idee! Als ob das ein Übersetzen der Truppen blockieren könnte.
Alle Einwohner des Ortes werden am 26.April aufgerufen, sofort Keller und vorhandene Luftschutzbunker aufzusuchen. Sie alle sollen vor kommenden Kampfhandlungen geschützt werden. Für die Einheimischen ist dies eine Nachricht, die Furcht und Schrecken hervorruft.

Die Flüchtlinge können darüber nur milde lächeln. Welche Taten können sie noch erschrecken? Dennoch folgen alle brav diesen Anordnungen. Auch die kleine Familie des Jungen sitzt in einem Bunker direkt am Emsdeich, Bänke auf beiden Seiten, besetzt mit etwa 40 Personen. Draußen wird geschossen, MG-Feuer, aber auch die dumpfen
Abschüsse der PAK’s sind deutlich vernehmbar. Hinten im Bunker betet jemand. Wozu eigentlich? Hilft ein Vaterunser? Vielleicht  ein »Vergib uns unsere Schuld«? Gott ist längst taub geworden, Gebete, die auf allen Seiten der Kriegsparteien zum Himmel geschickt wurden, sind irgendwo abgelegt auf einem großen Haufen, unter »Noch zu bearbeiten!«
Stunden später, Poltern vor dem Eingang. Eine Handvoll Soldaten in Khaki-Uniformen, ein Emblem CANADA auf dem Ärmel, mit Stahlhelm und mit Maschinenpistolen im Anschlag steht im Eingang. Einer von ihnen schreit in den Bunker hinein »Hands up!«
Der Junge, der vorn am Eingang sitzt,  ist der Einzige,der seine Hände nicht hochreißt. Interessiert, völlig ohne jede Angst, sieht er die fremden Soldaten an. Der direkt vor ihm stehende Sergeant stößt ihn mit seiner MP an.
»Where are the german soldiers?«
Der Junge zuckt mit den Achseln. »Keine Soldaten hier!« sagt er dann.
»Boy«, sagt der Corporal, »don’t lie at me, old fellow!«
Der Junge lächelt ihn an. »Nein, ich lüge nicht.«
Der Soldat schaut ihn lange an, sagt dann noch etwas, das der Junge aber nicht versteht, betrachtet dann intensiv  alle Frauen und Kinder auf den langen Holzbänken. Sagt dann: »OK, OK!« 
Macht ein Handzeichen zu den anderen Soldaten, ein kurzes Nicken zu dem Jungen und schon ist der Auftritt vorbei.
Alles stürmt nun auf den Jungen ein. Jeder möchte wissen, was der Soldat zu ihm sagte. Er versucht nun zu erklären, dass die kanadischen Sodaten deutsche Kämpfer aufspüren wollten, die sich vielleicht versteckt hielten. Alle sind nun beruhigt. Deutsche Soldaten sind hier wirklich nicht versteckt. Anscheinend haben die Alliierten  das ganze Rheiderland schon bis zur Ems hin besetzt.
Ein Nachzügler kommt noch in den Luftschutzbunker und berichtet von Luftangriffen auf der anderen Seite der Ems auf die Stadt Leer.
So vergeht der Abend, jeder versucht im Sitzen ein wenig Schlaf zu bekommen. Manchem gelingt es auch. Der Morgen schaut dann in übernächtigte Gesichter. Steif vom langen Sitzen und unterkühltem Raumklima will jeder nach draußen. Alles ist ruhig. Das Schießen hat aufgehört. Die Menschen im Bunker sehen sich fragend an. Eine alte Frau, die dem Jungen gegenübersaß, fasst den Mut und öffnet die Tür des Bunkers und geht hinaus. Sie winkt den Anderen auffordernd zu, ihr zu folgen. Der Junge fasst seine Mutter und den Bruder an den Händen und verlässt mit ihnen ebenfalls den Bunker.
Alle Menschen dieser Nacht stehen nun am Deich, schauen in den bleichen kalten Morgen hinein. Endlich sagt einer der anwesenden alten Männer:
»Wi goht nu nah Huus. Hier is ja keeneen, de uns seggt, wat wir to dohn hebbn!«
Und so geschieht es denn auch. Auch der Junge und seine kleine Familie suchen sich den Weg zurück in ihr neues Zuhause.
Dann liegt dort ein toter deutscher Soldat am Rande der Straße Es scheint, als ruhe er sich dort aus. Sein Stahlhelm liegt neben ihm, von einem direkten Schuss durchbohrt! Der Junge schaut sich diesen Mann an. Es ist ein Unteroffizier in feldgrauer Uniform. Einige Orden auf seiner Brust zeigen an, dass er schon an vielen Fronten gekämpft hat. Hier nun hat er seinen Tod kurz vor dem Kriegsende gefunden. Als er ihn näher ansehen will, kommen drei kanadische Soldaten auf ihn zu:
 »Hey Boy, go away. Hurry up!« 
I
hre Befehle klingen nicht unbedingt freundlich. Der Junge zieht sich darauf mit einem letzten Blick auf diesen unbekannten Soldaten zurück. Die kanadischen Soldaten nehmen den Toten auf, legen ihn vorsichtig auf die Rückbank ihres Jeeps und fahren davon. Dieser Tote wurde später zusammen mit zwei anderen gefallenen Kameraden auf dem Bingumer Friedhof beigesetzt.
Diese Gräber werden auch heute noch dankenswerter Weise von der Gemeinde gepflegt!
Der durchlöcherte Stahlhelm bleibt als Überbleibsel am Straßenrand liegen. Der Junge, traurig bewegt, macht sich dann auf und folgt seiner Mutter zu ihrem neuen Zuhause.

Jeder Augenblick
den du gut nutzt,
ist ein Schatz, den du gewinnst!
(-Don Bosco-)

 


Neuanfang

Tags darauf kommt von der Militärkommandantur die Anweisung, dass die ganze Bevölkerung den Ort verlassen muss. Es stehen wohl noch Kampfhandlungen bevor, weil die ostwärtige Emsseite noch von deutschen Truppen besetzt ist. Da die Emsbrücke gesprengt wurde, wird nun von der kanadischen Einheit ein Übergang erkämpft, um die Stadt Leer einzunehmen.
Die Menschen aus Bingum, dem kleinen Dorf direkt an der Ems, gehen nun gemeinsam auf Wanderschaft ins Hinterland in Richtung der niederländischen Grenze. Im etwa 15 km entfernten Weener, der nächsten Stadt, kommen alle behelfsmäßig unter. Die Einwohner dort sind sehr hilfsbereit und schaffen diesen »Tagesflüchtlingen« bereitwillig Platz für die nächsten Tage.
Nach zwei Tagen dürfen dann aber alle wieder zurück in ihr Dorf. Hier wurde inzwischen ein Übergang über die Ems geschaffen, eine Pontonbrücke verbindet nun beide Seiten der Ems.
Größere Schäden hat es im Dorf nicht gegeben, darüber sind wohl alle Bingumer ganz froh. Die Flüchtlinge aus dem Osten hatten ja von vornherein nichts zu verlieren.ems2

Der Junge freundet sich ziemlich schnell mit den einheimischen Kindern an: Die plattdeutsche Sprache macht dabei überhaupt keine Schwierigkeiten. Diese lernt er übrigens innerhalb von drei Monaten völlig akzentfrei! Mit den Kindern erfolgt nun ein reger Gedankenaustausch. Der Junge wird in allen Belangen voll integriert. Vielleicht erscheint er den anderen Kindern als ein exotisch anmutender Freund? Kontakt mit Fremden aus anderen Gegenden Deutschlands hat man hier noch nicht so häufig gehabt. Abgesehen von ein paar evakuierten Kindern aus dem Aachener Raum leben im Dorf nur Einheimische.

Diese ostfriesischen Menschen kommen dem Jungen aus dem »fernen Osten Deutschlands« zunächst etwas zurückhaltend vor, später werden es die besten Freunde, die man sich nur denken konnte! Schwierigkeiten gibt es allerdings bei den Erwachsenen. Hier findet eine Assimilierung nur sehr langsam statt. Von der überwiegend landwirtschaftlichen Bevölkerung werden die Flüchtlingsfamilien häufig abgelehnt. Und, was dabei eigentlich noch seltsamer anmutet: Die Flüchtlinge haben große Schwierigkeiten, untereinander auszukommen!
Wahrscheinlich liegt das an der landsmannschaftlichen Zusammensetzung dieser Neubürger: Pommern, Schlesier, Ostpreußen, Sudetendeutsche; hier treffen auf einmal Volksgruppen mit unterschiedlichen Lebensstilen ûnd kulturellen Eigenarten aufeinander. Das bringt dann oft - erfahrungsgemäß ja auch heute noch - ständig Schwierigkeiten mit sich.
Im Wesentlichen kommen später alle besser mit den Einheimischen zurecht als die Flüchtlinge untereinander. Er ist schon seltsam, dieser Neuanfang.
Und er beginnt sofort mit einem Ende! Dem Ende dieses Krieges, den angeblich keiner gewollt hat, so sagt man jedenfalls. Die Wahrheit wird erst viel später auf den Tisch kommen. Und die ist dann ganz anders, als sie am 8.Mai, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation, erscheint.

Für alles, was du verloren hast,
hast du etwas gewonnen.
Für alles, was du gewinnst,
verlierst du etwas.
(-Ralf Emerson-)

 




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