Aus meinem Leben

Mea Vita

 

Ich, fünf Verse eines Gedichts

Ich
bin ein Staubkorn im Wüstenwind.
Zwischen bunten Blumen ein kleines Kind.
Der Tau in der Frühe, der auf Wiesen fällt.
Das Licht am Abend, das Gedanken erhellt.

Ich
bin ein Lied, von Millionen gesungen.
Das Klatschen der Hände in Huldigungen.
Eine Welle im Auf und Ab der Gezeiten.
Ein Kometenschweif in unendlichen Weiten.

Ich
bin die aidskranke Frau mit dem hungrigen Blick.
Der alte Mann, der träumt von vergangenem Glück.
Das Strandgut der Zeit, von keinem vermisst.
Der einsame Star, der kein Idol mehr ist.

Ich
bin Hoffnung und Angst am Rande der Zeit.
Der verlorene Glaube in der Dunkelheit.
Der Baum im Walde, den jeder liebt.
Der Morgen, den es vielleicht nicht mehr gibt.

Ich bin auch DU!
Und was ich lasse, was ich tu,
ich bin auch nichts.
Nur fünf Verse eines Gedichts.
***
 

 

 

 

Der Weg

Der Weg an jenem Zaun entlang
war mir schon als Kind bekannt.
Ich ging ihn viele Male.
Und dort am Wiesenrain
die Buchenhecke! Sie winkte mir
vertraut mit ihren Zweigen
ein Willkommen zu.

Die lauen Ostseewinde
streichelten sanft und zart
Maikäfers Flügeldecken.
Und schon erhob er sich
mit brummigem Getöse
hoch in die lauen Lüfte.
Ich wäre gerne mitgeflogen!

Still! Hörst du nicht von fern
die Kinderreime?
Sie sangen immer wieder:
Pommernland ist abgebrannt!
Dort zwischen Dünensand
und dunklen Kieferwäldern
war ich einst daheim.

Nun wandere ich noch einmal
gedankenvoll an jenem Zaun entlang,
wo Ringelblumen mich
mit ihrem Duft betäubten.
Wie vor unendlich vielen Jahren
bewundre ich die Farbenpracht
ein letztes Mal.
***
 

 

 

 

 

Ich will kein anderer sein

Ich will kein anderer sein,
als ich selber bin.
In einer Welt, die immer nur
ihr Bestes tut, bei Tag und Nacht,
um mich zu einem Teil
von sich zu machen,
einzuverleiben in ihren Mechanismus.

Ich will nichts anderes sein,
als ich es selber bin,
voll Unzulänglichkeit
und vieler Fehler.
Ich werde kämpfen
wie zu allen Zeiten schon,
durchstehen, nie aufhören,
solange ich auf Erden bin.

Ich will kein Anderer sein,
als der ich wirklich bin.
Ein Menschenkind,
das gegen Ungerechtigkeit
und Dummheit kämpft,
ganz gleich, ob ich daran
verzweifeln werde.
Ich bleibe ich für alle Zeit.
 

 

 

 

Dein Spiegelbild

Im Spiegel betrachtest du dich,
schaust dabei tief in dich hinein.
Siehst Runen in einem Gesicht,
und Augen, klar und rein.
Bist du das? Nein,
du glaubst, du kannst es nicht sein!

Du siehst: Jeder Tag deines Lebens
hat dich geformt und geprägt .
Kein einziger Tag war vergebens!
Du hast dein Leben gelebt.
Du bist es doch! Schau!
Und du weißt es genau.

Es ist tatsächlich wahr.
Diese Falten sind Alterszeichen,
und dein schneeweißes Haar,
ist Zeuge des Lebens, dem reichen!
Schau dich an, du kannst es sehn:
Du bist wunderschön.

Du, nimm dich so an, wie du bist.
Mit harten Winkeln und Ecken,
Bereuen? Nein, es ist, wie es ist.
Du musst dich nicht verstecken!
Du gehörst zum Leben dazu -
und bleibst immer du!
***
 

 

 

 

Ich will!

Ich will hören, sehen.
Was in mir ist, was mit mir ist.
Nein, nicht das, was dort war,
was vielleicht sein sollte.

Zu sagen, was ich denke.
Nicht, was ich denken sollte!
Nicht, was ich sagen sollte,
Was andere hören wollen.

Denn das bin ich nicht,
Das war ich auch nie.
Ich will fühlen, mitfühlen.
Was ich fühle, ist Leben.

Und nicht, was ich fühlen sollte!
Ich will selber fragen,
Was ich möchte und nicht
Um Erlaubnis bitten müssen!

Ich möchte wagen,
Was mich reizt zu wagen.
Ich will nicht immer nur
Sicherheit wählen.

Einfach ausprobieren!
Ja, das will ich.
Und das mache ich.
Auch wenn alles schief geht!
***

 

 

 

 

Adieu

Wer nie in seiner Jugend Sturmeszeiten
geträumt von endlos grossen Weiten,
Niemals sein Herz auf Wanderschaft geschickt,
und nie in Nachbars Garten nur geblickt.

War immer brav, wie es im Buch geschrieben,
hat seine Träume jedermann verschwiegen,
seine Wünsche stets nur unterschlagen,
er hat sich nie getraut, Leben zu hinterfragen.

Er hat ein Lob verdient - und einen Orden!
Was ist aus seinem Lebenstraum geworden
und mit dem Ziel, zu dem er immer strebte?
Kann er heut sagen, dass er wirklich lebte?

Er baute auf, mit Fleiß und viel Geschick.
Manchmal half auch ein Quäntchen Glück.
Das Leben war zu keiner Zeit ganz leicht.
Dann, eines Tags ist das Finale dann erreicht,

Es heißt dann Servus und Aufwiedersehn;
er blieb ja gern, doch zwingt man ihn, zu gehn.
Damals in jungen Jahren lockte ihn die Ferne.
Nun reist er ab. Sein neues Ziel: die Sterne.

Dann steht er ganz allein vor dem großen Tor
und kommt sich fürchterlich verlassen vor.
Da hört er eine Stimme, ganz besonnen:
Mein Freund tritt ein! Du bist willkommen!

***
 

 

 

 

Grossmutter

Manchmal ist mir zum Weinen.
Ich seh den grauen Himmel
und weiss dabei, dass wieder alles
schief gegangen ist in meinem Leben.

Dann zieht es mich hinunter
in deine kleine Welt,
von Regenbogenfarben voll,
wie ich sie aus alten Zeiten kenne.

Ein Stückchen von dem Himmel,
auch wenn er manchmal weint
und nächtlich fallen alle Sterne
herab auf dunkelblauen Samt.

Wenn ich wieder gehn muss,
schau ich zurück und seh
dein feines, mildes Lächeln,
und nehm es mit in den grauen Tag.
***
 

 

 

 

Mama

Noch niemals konnte ich mich recht bedanken,
für all dein Mühen, mich zu dem zu machen,
der ich heute bin.
Für all die sorgenvollen Nachtgedanken,
für dein Weinen und dein herrlich helles Lachen-
du lehrtest mich des Lebens Sinn!

Du zeigtest mir in guten wie in schlechten Stunden:
Mensch zu sein bedeutet auch
Wahrhaftigkeit und Toleranz.
Du sagtest mir auch ehrlich unumwunden:
»So manche raue Episode deiner Lebenszeit
verstehe ich nicht ganz!«

So viele lange Jahre
sind darüber schon vergangen,
dass ich dich auf deinem letzten Lager sah,
umkränzt von vielen Blumenranken.
Meine Hand streichelt
noch einmal deine Wangen,
wie in Kindertagen sag ich leis‘
zu dir: »Mama, ich will dir danken!«
***
 

 

 

 

 

Mein Sohn

Als du geboren warst,
da hielt zum ersten Male
nach wenigen Sekunden
ich dich schon im Arm.
Die Nabelschnur noch warm,
warst du mit deiner Mutter
noch verbunden.
Und kurz danach,
nachdem ich euch getrennt,
sahst du mich an,
vertraut und doch ein wenig fremd.

Und als ich später dann
an deiner Mutter Brust
dich wiedersah,
da hab ich es gewusst,
da war es sonnenklar:
Du warst das Beste,
das mir je begegnet war.

Nun bist du etliche Jahrzehnte alt,
viel älter, als ich damals war,
und alle Freuden deiner Kindheit,
alle Schmerzen und Probleme
sind lang Vergangenheit.
Und du fragst selbst:
Was war das schon?
Nur eines ist, was blieb
von Anfang an durch alle Zeit:
mein Sohn, ich hab dich lieb!!
***
 

 

 

 


Meine Tochter

Du bist mein Kind, an meiner Hand
da tatest du den ersten Schritt,
voll Vertrauen schloss die kleine Faust
um meinen Finger sich.

Wir wanderten gemeinsam
durch Wälder und durch Auen,
ich lehrte dich, die Tiere zu verstehen
und die Natur zu schauen.

Als deine große Liebe kam,
da fragtest du mich
scheu, doch vertraut, um Rat,
ich konnt‘ ihn dir nicht geben.

Bei deinem ersten Liebeskummer
wolltest du plötzlich nicht mehr leben,
ich überzeugte dich, dass diese Welt
dich braucht und du sie auch.

Nun bist du viele Meilen in der Ferne.
Abends schaust du
auf die gleichen Sterne.
Du gehst nicht mehr an meiner Hand,

wie damals in dem Kinderland
Und wenn wir zwei auch so weit
auseinander sind-
ich liebe dich, mein Kind.
***

 

 

 

 

Als ich noch jung war

Als ich noch jung war -
Glaubte ich, ich könnte helfen,
unsere kaputte Welt
noch zu verändern.

Ich kämpfte gegen Pershings,
Atomwaffen und AKWs,
schrieb Transparente,
sang Protestsongs überall.

Ich war der Meinung
recht zu handeln,
liess mich dafür verprügeln
von der Staatsmacht in den Camps.

An jedem neuen Tag
war ich voll Zuversicht,
sang damals mit Joan Baez:
»We shall overcome some day«-

Wie habe ich mich doch getäuscht,
denn nichts hat sich seitdem geändert ...
***
 

 

 

 

Bisweilen

Möcht ich ein grosser Mensch sein.
Ja, das wünscht ich mir schon sehr;
könnte herrschen über Sand und Stein,
über Gebirge, Wald und Meer.

Allen Tieren in freier Natur
würde ich jeden Tag befehlen.
So aus lauter Laune und Freude pur
jeden Abend die Geschöpfe zählen.

Über Wind und Wetter verfügen,
das wäre wirklich wunderbar.
Für mich wäre das ein Vergnügen,
das Klima wär manipulierbar.

Sollte ich wirklich so etwas meinen,
all das zu können, was niemand kann?
Ich überlass dies doch lieber dem EINEN,
und bleib ein unvollkommener Mann.
***




Fernweh

So manches Mal denk ich zurück
in stiller Stunde an die Zeit
von Kindertagen voller Glück;
sie liegt nun schon unendlich weit.

Es war doch eine schöne Zeit!
Zwar hatten wir oft grosse Sorgen,
doch macht ich mir, trotz manchem Leid,
keine Gedanken um das Morgen.

Es gab ja Bücher voller Abenteuer,
die ich verschlang wie gutes Essen;
das Fernweh brannte heiss wie Feuer
und alles andere schien vergessen.

Da wollte ich in meinen jungen Jahren
- ich war noch lange keine Zehn -
allein zum Amazonas fahren,
und viele fremde Länder sehn.

Ich wollte den Gran Chaco dort erkunden,
auf Humboldts Spuren durch den Urwald gehn
und wenn ich alles dann herausgefunden,
würde auch meine Mutter mich verstehn!

Als meine Lieben noch im Schlafe lagen,
da packt ich meine Siebensachen.
- Ich konnte es doch keinem sagen,
wollt nicht, dass sie sich Sorgen machen -

und zog dann in die weite Ferne,
mit den Klamotten auf dem Rücken
Über mir da blinzelten die Sterne -
der Rucksack fing schon an zu drücken.

Beim letzten Haus in unsrer Strasse
machte ich mit dem Rucksack Inventur:
Zwei Hemden von der Leine, ziemlich nasse,
von meinem Vater eine alte Taschenuhr.

Ein Buch: »Im Urwald lebt ich lange Jahre«.
Drei Strümpfe und ein Kanten Brot,
ein Kamm mit siebzehn Zinken - für die Haare,
ein Maikäfer, leider war er schon tot.

Hier noch ein Buch: »Ich überlebe!”
von Ferdinand von Emmerich,
wenn in den Urwald ich mich dann begebe,
da brauche ich es, sicherlich!

Jetzt aus der Wundertüte einen Kompass,
den hatte ich noch irgendwo entdeckt,
und zu diesem wunderbaren Anlass
in den Rucksack noch gesteckt.

Nachdem ich alles reiflich inspizierte,
kam ich am Ende doch zu dem Entschluss:
Bevor mein Leben ich beim Abenteuer so riskierte,
ich noch ein paar Jährchen warten muss!

So schlich ich heim zu Mutters Speisekammer
und allen war es sonnenklar:
Am Ende kam zum Katzenjammer die Erkenntnis,
dass ein grosser Forscher für die Welt verloren war.

So kam dann oft nach manchem Wagnis
am Ende die Vernunft zum Tragen!
Und manches spätere Ereignis
würde ich heut wohl nicht mehr wagen!
***
 

 

 

 

 

Abenteuerlust

Einst kam für mich die Zeit,
in der ich ”meine” Freiheit wählte,
der Familie und der ersten Liebe
sagte ich Adieu,
in jenem Jahre,
da ich achtzehn Lenze zählte,
erklärte ich ganz konsequent:
Ich geh!

Mein Weg der führte mich
direkt nach Süden, der Sonne nach,
dahin die Schwalben
dann im Herbste ziehn.
Ich hatte lang schon
vorher mich entschieden,
und wollte allen Zwängen hier entfliehn.

Dort, wo der Rhein
ganz jung in seinem Bette lag
und wo die Grenze von La France
mir zurief: »Halt!«
Wo weiße Nebelschwaden
kündeten vom neuen Tag
Durchquert den Strom ich heimlich
und den Uferwald.

Die nächsten Wochen
sah man mich nur wandern,
bei Sonnenschein und
manchmal auch bei Regen
durchs Tal der Loire,
der Rhone und den Anderen
von Schloss zu Schloss auf still
geheimnisvollen Wegen.

Später der Hafen von Marseille
mit seinen bunten Lichtern,
»Chateau d`If,  Monte Christo«,
weit draussen auf dem Mittelmeer,
auf Ausflugsdampfern
viele fröhliche Gesichter,
und »Notre Dame de la gardez«
grüsste vom hohen Berge her.

Dort war mein Herz
für kurze Zeit zu Hause,
meine Seele zog
an der Schönheit sich empor.
Doch für mich war es
nur eine kleine Atempause
und leider hielt sie
nicht sehr lange vor.

Es lockte Afrika,
jenseits des Meeres lag das Glück.
Doch später dann,
in manchem harten Jahr
sehnt nach der Heimat
ich mich oft zurück
Doch unser Wahlspruch war:
»Legio patria nostria«

Es war die Zeit,
hier fing das Wirtschaftswunder an,
ich aber kroch durch Reisfelder
und durch den Busch als »Held«
und kämpfte für die Grande Nation
im fernen Vietnam.
Wofür? Ich wusst es nicht-
für Ehre, Ruhm? Für Geld?

Ich überlebte zwar
mit einem Herzen hart wie Stahl!
Erbarmungslosigkeit war
doch mein täglich Brot!
Am Mekongfluss begrub ich
meinen Freund, den Caporal,
und oft hab ich gewünscht,
ich wär an seiner Stelle tot!

Durch viele Länder führte mich
danach die Odyssee,
ich sah viel Schönes,
doch auch das Elend war nicht fremd.
Und irgendwann landete ich
wieder in Marseille,
für die Reise in die Heimat
verkaufte ich das letzte Hemd.

Nach vielen Jahren
kehrte ich zurück nach Deutschland,
ein »walkabout«
mit braun gebrannten Wangen.
Ein Freund kam auf mich zu
und schüttelt meine Hand,
als wäre ich hier
niemals weggegangen.

Die Mutter sah mir in die Augen,
mein letzter Brief erreichte sie
vom Roten Meer,
doch ein Versprechen wollt sie
bis zuletzt nicht glauben:
»Ich werde sesshaft!«
Glaubt mir, das war sehr schwer!
***

 

 

 

 

Ich weiss es nicht

Manches Mal schon dachte ich,
was wohl gewesen wär,
wenn unsre Wege
eine Spur gezogen hätten.
Es war ein Lied in uns.
War es in Dur?
War es Stille ohne Klang?

Die hellen Sonnenflecken
tanzten an den Wänden
wie Puppen ohne Fäden,
im Alltagstrott,
im Spiegel ihrer Zeit.
Vielleicht auch
nur als Schattenbilder?

Wie viele Stürme
brächte uns das Leben,
wenn Leid und Elend
Oberhand behielten?
Läg Liebe und Verzeihen
allein in unsren Händen,
wie viel könnten wir erreichen.

Ich weiss es nicht.
Will es auch gar nicht wissen,
warum das alles so geschah.
Schuld ist lang vergangen,
die Tränen längst getrocknet.
In der Erinnerung bleibt nur
ein Schattenbild zurück.

Grau und ohne Farben
liegt hinter mir der Weg,
der steinig war und ohne Halt.
Dann kamst du,
das Licht im Sturm!
Und ich, das Lied in aller Stille.
Es ist wahr: Wir sind!
***
 

 

 

Die Muschel


Damals am Strand - ich war ein Kind -
sang mir die große Muschel
ihr Lied von Freiheit und
von ungestilltem Fernweh.

Der weisse Sand rann ohne Halt
mir durch die offene Hand,
betäubte meine Sinne, verzerrte
dabei auch die Wirklichkeit!

Ich konnte ganze Stunden lang
an ihrem kühlen Munde lauschen
und hör noch heute wie verzaubert
von fernher dieses helle Rauschen.

Mein ganzes wildes Leben lang
hab ich von diesem Strand geträumt,
niemals mehr hab ich ihn gesehn.
Geblieben ist Erinnerung allein.

So wie der feine weisse Sand
in jenen fernen Kindertagen
verrinnt unhaltsam nun das Leben,
die Muschel singt dazu ihr leises Lied.

 

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