Das Leben geniessen

Vita flui

 

Die Wildgans.

Wenn im Rot des Horizonts
die Sonne versinkt,
geht die Welt auch zur Ruhe.
Wenn die Wildgänse ziehn
im Dunkelblau des Firmaments
erwacht das Leben der Nacht.

Nichts ist so schön
wie das Funkeln der Sterne,
nirgendwo ist mehr Stille
als in der nächtlichen Schwärze.
Wenn das Schreien der Gänse
unsre Gedanken begleitet,

Wir fühlen die Schönheit der Welt.
Alle Gedanken, die uns belasten,
verschwinden im Nebel des Nichts!
So wie die Nacht ist unser Leben,
Glaub nur an den Morgen
und leb ruhig in Träumen,

niemand kann sie dir nehmen.
Und wenn wir einst
wie die Wildgänse ziehen
in ein Land ohne Wiederkehr,
dann begleitet uns
auf diesem Flug unsere Liebe.
 

 

 

 

 

Strandgedanken  I

Helle Vollmondnacht am verschwiegenen Strand.
Weichschäumende Wogen
schlängeln sich in kräuselndem Bogen
auf den kalten, weißen Sand.

Ein kleiner Krebs zieht eine verschwindende Spur
Fast unsichtbar vom Land ins Meer
Vom kleinen Dorf der Geruch von Fisch und Teer
beweist mir: Ich bin ein Teil der Natur!

Der algenbewachsene Felsen in fahlem Grün
bezeugt auch im Mondlicht des Meeres Macht,
und in diffuser traumhafter Pracht
seh ich hoch über mir silberne Wölkchen ziehn.
Die letzte Stunde an verschwiegener Stelle.
Schmeichelndes Nass seh‘ ich im Sande verrinnen
meinem Leben gleich, und mit allen Sinnen
spüre ich des Lebens Schicksalswelle.
***
 

 

 

 

Strandgedanken II

Mondgeflüster. Fahl spiegelndes Meer
in silberbleichem Licht.
Ich atme tief ein, es riecht
nach Salz und Tang und Teer.

Pariser Blau, weisser Schaum.
Sanftes Plätschern auf nassem Sand.
An der Kimm, fern vom Land,
fliegt ein schemenhafter Traum.

Morsche Planken kennen Fischersorgen.
Unaufhörlich bringt weisser Dünensand
Verwüstung über die Föhren am Strand.
Durch zerschlissene Netze
atmet der Morgen.
***

 

 

 


Waldspaziergang

Komm
Lass uns springen über die Gräben,
die Weg von Weg trennen,
über Unterholz, das alle Gefühle
überwuchern will,
über Knüppel, die uns behindern.

Komm
Lass uns Pfade suchen,
wo es scheint, als ginge es hier
nicht mehr weiter.
Und stolpern wir, so halten wir
uns aneinander und voll Vertrauen
wissen wir uns geborgen.

Komm
Wir halten uns fest an der Hand
und glauben, die Welt wär’
ein Wundergarten,
wo Rosen wachsen ohne Dornen,
bis wir dann spüren, dass sie uns stechen.
Doch wir lassen nicht los -
jetzt erst recht!
***
 

 

 

 

Wie ein Zugvogel

Wie ein Vogel
heimgekehrt nach langer Reise
fühlt sich mein Herz, wenn ich dir nahe bin.
Erholt sich dann von allen Mühen,
dem Suchen, Kreisen um irgendeinen Sinn,
und du erscheinst mir dann
in allem Durcheinander meiner Seele
als grüner Zweig, auf dem für immer
ich mich niederlassen möchte.
***
 

 

 

 

Ahnung von Unendlichkeit.

Der Wald schweigt mich an.
Blätter, braungelb gemalt,
Faltern gleich, gaukeln zu Boden.
Spiegelnde Stille auf
samtgrauen Wassern,
Nebelschwaden schweben über
schweigendem See.

Auf grün bemoostem Pfahl
ein einsamer Bussard.
Sein scharfheller Blick
schweift über die Weiten.
Unter grauen Wolken ziehn Kraniche
westwärts in verschachtelten Ketten
wie Perlen auf einer Schnur.

Tiefe Furchen von Rädern
im feuchtmorastigen Weg.
Der süssliche Duft
frisch geschlagener Kiefern,
vermählt mit modriger Erde,
betäubt fast die Sinne in
morgendlicher kühler Luft.

Urplötzlich erspür ich
die Pause im Kreislauf des Lebens.
Die Ruhe nach stürmischen
Nächten voll sprudelnder Kraft.
Doch hinter dem Vorhang des Lebens
geschieht schon der Wechsel
zum künftigen Akt des ewigen Seins.
***
 

 

 

 


Wildgänse

Bleierner Himmel, bizarre Wolkenbilder.
Tausend graue Gänse gleiten rufend
durch den frühen Morgen.

Silbern schimmern taubedeckte Wiesen,
rau spielt der Wind mit den Blättern
der grossen Trauerweide dort am See.

Die Luft erfüllt von sanftem Rauschen,
lange Ketten wilder Gänse schweben
durch das Morgengrau zu Boden.

Kaum wage ich zu atmen, stehe still,
nehme diese Bilder in mich auf und
stell mir vor, ich wär ein Teil von ihnen.
***
 

 

 

 

Eine Radtour

Vor mir die Bäume der Pappelallee,
in der Ferne blau schimmernd der See,
ein Bussard am Himmel in schimmernder Höh.
Die Räder singen.

Morgendliches farbiges Land,
Kiefergehölze im Heidesand,
Äsende Rehe am Waldesrand,
die Leben bringen.

Rast im Schatten von grünen Bäumen
verleitet zu wild-romantischen Träumen,
solch Erlebnis bleibt lange bestehen,
lässt die Seele erklingen.
***
 

 

 

 

Schmetterlinge

Bunte Schmetterlinge
schwirren ständig 
durch Regenbogenfarbenringe.
Zeigen mir: Ich bin lebendig!

Wunschträume, längst erwacht,
unablässig spielen
die Nachtgedanken
mit Gefühlen.

Morgendliche Stimmung,
ungeschminkte Wahrheit!
Liebevolle Bindung
in getrübter Klarheit?

Offene Fragen
aus dem Dunkel erwacht.
Auch sonnige Tage
enden mit der Nacht.
***
 

 

 

 

Vorbestimmung?

Schroffes Gestein an waldigen Stränden.
Mit Urgewalt stürzt sich der Strom
zwischen scharfkantigen Felsen
steil hinab in das weite, grünende Tal.

In weiße Brandung gekleidet,
kommen aus weiten Fernen
Schwärme braunsilbriger Wesen
zu ihrem Ursprung gezogen.

An einsamen steinigen Ufern,
zwischen hoch aufragenden Bergen,
an denen sie einst geboren,
erfüllt sich ihre Berufung des Lebens.

Wir Menschen können uns niemals
auf solche Bestimmung berufen.
Gott schenkte uns die Freiheit
selbst zu denken.

Wir sind keine Sklaven
der Prädestination.
Wir sind gehalten, selbst zu entscheiden;
Ja sagen zu können oder auch Nein!
***

 

 

 

 

Tête  à Tête

Kleiner blauer Schmetterling
gaukelt zwischen Sonnenblumen,
spielt wie ein kleines Kind,
des Alleinseins müde
mit dem Tau
der Morgenfrühe.

Nebelschwaden streifen
sonnenhungrig durch
das Grün der Wiesen.
Schweben
elfenschleiergleich
über bunte Blüten.

Grosser gelber Falter
tanzt für sich allein
zwischen filigranen
Gräsern,
hier und dort
im hellen Sonnenschein.

Grosser Falter,
kleiner Schmetterling,
wiegen sich vereint
im Winde
bis ins ferne
allerletzte Abendrot.
***
 

 

 

 

Wenn der Wald stirbt


Wenn der Wald stirbt,
schweigen die Tiere.
Sie können nicht klagen,
sich auch nicht wehren,
Asphalt und Beton
sind stärker als sie.

Wenn der Wald stirbt,
weinen die Vögel.
Sie können nicht singen
nicht im Lenz jubilieren,
in kahlen Zweigen
gibt es kein Nest

Wenn der Wald stirbt,
erschrecken die Menschen;
sie könnten schreien,
doch es hört keiner mehr,
denn ohne Wälder
stirbt auch das Leben.
***
 

 

 

 

Waldträume


Wenn die Zeit am Abend schlafen geht,
ganz leise der Wind durch die Zweige weht,
wenn eintönig der Regen rauscht,
und die Natur die Nacht belauscht,
dann erzählen im Wald sich die Bäume
flüsternd ihre tiefblauen Träume.

Sie reden leise in geselliger Runde
oft noch zu mitternächtlicher Stunde
aus ihrer längst vergangenen Zeit,
die schon so unsagbar weit,
vor mehreren hundert Jahren,
als alle Bäume noch Bäumchen waren.

Es gab Sommertage, trocken und heiss,
dann Winterzeiten mit Schnee und Eis,
unbarmherzige Sturmgewalten,
Sie überstanden alles wohlbehalten.
Aber heute, am frühen Montagmorgen
erzittern die Bäume voller Sorgen.

Sie sehen mit ungläubigen Blicken,
wie Bagger dem Wald zu Leibe rücken.
Es stand lange schon im Bebauungsplan:
Wir brauchen die neue Autobahn!
Der Wald muss endlich weichen,
Kiefern, Birken, Buchen und Eichen.

Wir brauchen Platz, das ist ganz klar,
der Autoverkehr wird von Jahr zu Jahr
ständig wachsen, und was dann?
Das fragt sich am Ende jedermann.
Es muss etwas geschehen, und zwar bald!
Wozu brauchen wir eigentlich den Wald?

Wenn abends die Bäume schlafen gehn,
die Winde leise durchs Unterholz wehn,
wenn noch Rehe auf der Lichtung äsen -
ist das schon Vergangenheit gewesen?
Irgendwann erkennt auch der letzte Mann,
dass man ohne Natur nicht leben kann ...
 

 

 

 


Werden und Vergehen

Wotans dunkelgraue Wolkenscharen,
Stürme, die einst zahme Winde waren,
jagen durch silberne Höhen,
wirbeln wild über Berge und Seen.

Durch enge Täler und weite Felder,
über Gipfel und unendliche Wälder,
vom Morgen bis zum Abendrot,
Sturmwinde kennen kein Verbot.

Junge Eichen wiegen sich noch im Wind,
uralte knorrige Stämme aber sind
zerbrechliche Naturgestalten,
widerstehen zunächst allen Gewalten.

Irgendwann aber ist es einmal so weit,
ohne Gnade kommt dann ihre Zeit,
der Sturm vollendet ihr langes Leben,
mit Zittern und gewaltigem Beben

stürzen sie zum moosigen Grund,
hauchen ihr Dasein leise aus und
sind der Grundstock für neues Werden,
so wie alles Vergehen hier auf Erden.
 

 

 

Urlaubsgedanken

Für einen Ausländer, sagtest du,
Wäre dein eignes Haus tabu?
Als hätte er drei Augen,
Aber kein Gesicht,
Kein Herz und keine Sprache?
Solche Worte taugen
Zur Versöhnung nicht.
Verzeih mir, wenn ich lache!

Wer bist denn du im Urlaubsland,
Im Süden dort am Meeresstrand,
wohlgenährt und kugelrund,
In Bermudas und Polo-Shirt,
Die Camera bequem am Bauch
streichelst jeden Streunerhund,
Bist dort am Strande der Expert -
Vielleicht an der Hotelbar auch?

Lieber Freund aus Germany,
Das Wort Tabu verstehn wir nie!
Bist gönnerhaft zu jedem Pagen,
Großzügig auch zum Personal
Das dir dein Wohlergehen schafft.
Man muss das mal bescheiden sagen,
Wir finden das irrational
und sozusagen spiesserhaft!

 

 

Farbenspieler

Schon seit Langem störte mich
die blendendweiße Leinwand
auf meiner alten Staffelei.
Drum fasst ich mir ein Herz
und mischte meine Farben
enthusiastisch und voll Fantasie:

Das Chromoxydgrün mischte ich
mit Kassler Braun zu einem
wunderschönen Erdenton.
Ein wenig Gelb mit Grün noch
für die Sonne auf den Wiesen,
mit dunklen Schatten ausgefüllt.

Pariser Blau mit lichtem Ocker 
gepaart für dunklen Tannenwald;
magentaroter Abendschein
hinter der braunen Fischerhütte
am kleinen umbragrünen See
vollendete die namenlose Pracht.

Wie von selbst lief da der Pinsel,
über freie Flächen, sie zu füllen,
gestaltete die Farben, Formen
und zum zauberhaften Farbenspiel
verliefen die Gedanken sich
mitten hinein in dieses Bild.

Als ich am Morgen dann erwachte,
rieb ich verwundert mir die Augen.
Nur Horizont, die Leinwand fort,
verschwunden alle Farben, Formen;
vom Bildnis meines Traums blieb
nur ein heller Fleck in den Gedanken.
 

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