Geschichte

Historia


Pan

Flirrende Hitze in des Tages Mitte,
regungslos alle Geschöpfe
im Schatten von kargen Bäumen,
warten auf die erträgliche Kühle des Abends
Alle Gedanken schweben
silbernen Träumen gleich
hinauf in die blauen Berge des Parnons.

Wartest du immer noch dort
an der flüsternden Quelle auf Syrinx,
um dich im Garten des Hermes
mit ihr zu vermählen?
Vergebliches Hoffen, du weisst es,
dort unten zum Flusse hin floh sie
vor dir und deiner Begierde.

Furchtsam die scheue Nymphe,
erkannte sie bald, dieser Fluss
war nicht überwindbar und so
verwandelte sie sich
in schwankendes Schilfrohr
nicht ahnend, dass längst du
ihre neue Gestalt schon entdeckt!

Ohne Bedenken, Pan, wagtest du
einfach dies Rohr nun zu schneiden,
schnitztest daraus ein stimmvolles
und dennoch zartes Gebilde,
dessen herrlicher Klang voll
unbeschreiblicher Sehnsucht
durch die blauen Haine erklingt.

Wenn nun heute am Abend
die liebliche Stimme der Syrinx erklingt,
erinnert dies an die Nymphe
der silbrig hellen Quelle hoch in den
peloponnesischen Bergen,
wo Pan einst sein Begehren
und seine Liebe
in einer siebenrohrigen Flöte vereint.
 

 

 

 


Der Hexenturm

Ein wunderschöner Sommertag,
Hoch auf ragt in den Himmel
der Hexenturm aus alten Tagen
am Rande halb zerfallener Mauern.
Aus eines alten Mannes Munde
erfahr die Mär ich ungeschminkt
vom Schicksal vieler Hexen
dieser schönen alten Stadt.

Das Grauen sitzt noch tief
in modrigen Gewölben.
Aus tiefdunklen Verliesen
geistert noch in vielen Köpfen
das teuflisch lodernd Feuer.
Und immer noch schürt
der Henker das glühende Eisen
wie in vergangener Zeit.

Rostbraune Flecke dort
an den Wänden zeugen
von Qualen und Schmerzen,
erlitten in einsamen Nächten,
in denen Verzweiflung
das einzige Brot war
und Hass das einzige
Wasser des Lebens.

Als ich diese grauenerregenden
Mauern wieder verliess,
verfolgten mich deren Bilder
noch Nächte lang in Gedanken
der Trauer und des Entsetzens.
Gern würde ich heute
die Richter von damals befragen,
warum hier so Grauenvolles geschah.

Wie gut nur, dass gestern und heute
so fern voneinander bestehen.
Wie sonst könnten Menschen
voller Neugier die Stätten
ruhigen Herzens besuchen,
wissend, dass in diesen Mauern
entsetzliches Unrecht
von Menschen an Menschen geschehen.
***
 

 

 

 

Eine Zigarrenkiste voll

Eine Zigarrenkiste voller Fotos,
zerknittert und vergilbt,
eine Handvoll Bilder blieben ihr
von ihrem Leben.

Sie sucht in alten Träumen
die Reste alter Zeit.
Wie Schatten steigen Menschen
aus diesem Bild hervor.

Hellwache Kinderaugen erinnern
an die längst vergangenen Tage,
als noch die Hoffnung blühte, und
der Glücksklee hier zu Hause war.

Erinnerungen dort in jenem Bild,
Erlebnisse voll Bitterkeit,
lassen ihr Herz beim Anschau´n
heut noch schneller schlagen,

Dann hier im nächsten Bild
manche geliebte Menschen,
die vor vielen Jahren schon
in die Ewigkeit hinweggenommen.

Es schmerzt noch heute,
wenn sie ihre Bilder sieht.
Sie sprechen, weinen, lachen
noch oft in manchem ihrer Träume.

Dann Fotos, aus der Kinderzeit,
auch als Teenie jung und schön.
Sie fühlte immer sich geborgen
im grossen Kreise ihrer Lieben.

Die Zeit ging über sie hinweg.
Bilder von heute verdrängen
Licht und Schatten ihrer
eigenen Vergangenheit.

Diese Zigarrenkiste aber ist
ihr grosser Schatz, den sie,
so lang sie leben wird, behütet
und an dem sie sich erfreut.
***
 

 

 

 

Hundert Jahre
1914-18
 

Damals
als der blasse Mond
im See versank,
sein Schein im Nebelgrau
des Morgens sich verlor;
als der kleine Fluss
rostrote Tränen weinte,
hielten alle Sterne ihren Atem an.

Damals
als alle Bäume
sich vor Demut beugten
und ihr Laub abwarfen,
verloren viele Menschen
ihr vorgeprägtes Dasein
an vielen Tagen
blutig heisser Schlachten ohne Ziel.

Damals
als Millionen Menschen
ihr Leben opferten,
für einen Zweck, den
sie selbst nicht verstanden
nur für die Mächtigen,
die sie missbrauchten,
um die eigene Macht zu stärken.

Seit damals
ist nichts mehr,
so wie es vorher war,
denn seit damals
hat die Menschlichkeit
den Sinn in vielen neuen
Kriegen tausendfach verloren.
***
 

 

 

 

Ragnarök

Ganz sachte geht nun
dieser Tag zur Neige.
Durch dunkelgrünes Laub
rauscht leis der Abendwind.

Der unwirklich hohe Dom
jahrhundertalter Buchen
strahlt mit barocker Pracht
in des Mondes Silberglanz.

Gebannt schau ich hinauf
in die stolzen Wipfelhöhen,
die mir von alten Zeiten
und fernen Welten singen.

Wo ist sie hin, die alte Sage,
in der die Menschen ihre
Sehnsucht und Freude an
den Götterhimmel malten?

Wotan und Frija waren es einst,
die den Himmel beherrschten,
voller Ungeduld warten sie heut
auf das Ende der Welt: Ragnarök.

Wenn Baldur einst aufersteht,
wird das friedvolle Dasein
von Menschen und Göttern
aufs Neue in Eintracht beginnen.

Sachte geht nun der helle Tag
endgültig dem Ziele entgegen,
in blaue Schatten gehüllt,
wartet die endlose Nacht.

Seht doch, das Dunkel,
wo in der Höhe im Schatten
der endlosen Nacht,
das Leben aufs Neue beginnt!

(Ragnarök heißt der Kampf der Götter
und Riesen, in dessen Folge die ganze Welt untergeht.
Flammen und Rauch werden zum Himmel schießen.
Durch den Ausgleich von Ordnung und Chaos wird ein
Gleichgewicht entstehen, das dem wiedergeborenen
Allvater Odin verhilft, eine neue Welt zu schaffen.
Alles Böse bessert sich.)

***
 

 

 

 


Der Star.
für H.J.

Verloren stehst du im gleissenden Licht
konkurrierender Spots.
Ein Moloch, gnadenlos,
wartet mit goldenen Zähnen
auf seine alltägliche Nahrung.
Die kreischende, wogende Menge
schürt deine Illusion,
dass sie dich lieben.

Der Vorhang fällt,
Schatten um dich herum,
von dir selbst nicht bemerkt.
Du gibst immer dein Bestes,
doch niemals gelingt es,
die Erwartung der Massen
wirklich zu stillen.
Die Illusion aber bleibt dir,
dass sie dich lieben.

Du fliehst in die Masslosigkeit,
zerstörst deinen Traum,
gehst, in dir selber gefangen,
den Weg aus dem Morgen
ins Gestern zurück.
Das Rampenlicht verlischt,
dich umfängt das Dunkel
immerwährender Nacht.
Und du spürst es nicht mehr,
ob sie dich lieben!
***
 

 

 

 


Hilflose deutsche Geschichte

Dämmerung
am Himmel der Vergangenheit.
Unendlich weit
das Blau der Gestirne.
Zähflüssiger Nebel
verdünnter Dunkelheit
liegt wie eine Wolke
über dem unendlichen Land
der Zeit.

Schweigen
am Rande der Wirklichkeit.
Von ferne
vertrautes Verdunkeln.
Lichtsplitter verdrängen
in fahlem Glanz
reflektiertes Wissen
vergangener Grausamkeit
und gelber Sterne.

Phantomgleich
der Kreis der Gleichgültigkeit,
belastet durch Schallwellen
unserer Betrachtung.
Aus steuerungsloser Hilflosigkeit,
wo sich Fragen
nach Gründen
des eigenen Versagens
stellen.

Verwirrung
der schwankenden Unsicherheit,
zeitlose Denker
in erstarrten Schablonen.
In blassroten Versalien
die Feuerschrift
an der Wand,
das Menetekel der schuldigen
Henker.
***
 

 

 

 


Atomic inferno

Höllengluten
auferweckter Urweltkräfte.
Feuersäulen, ausgelöst von Menschenhand.
Gammastrahlenschwere Schleier
schweben weihrauchgleich zur Erde.
Jetzt gilt nicht mehr das
"stirb und werde",
und selbst Gott schaudert
vor dem Atem seiner Kinder!
***
 

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