In Nachbars Garten

Solch eine alte Stadtrandsiedlung bietet eigentlich nichts Besonderes. Das übliche Bild, eine Reihe von Einfamilienhäusern, mehr oder weniger schmuckvolle Vorgärten und ebensolche Rasenflächen, die entweder wie rustikale Viehweiden aussehen oder wie golfplatzähnliche Grünflächen. Es ist halt so, wie die Menschen in der Siedlung auch: eine Mischung aus allem und kein uniformes Einerlei.
Das hübsche Haus neben dem Grundstück der Familie Sonnenberg ist schon seit langer Zeit unbewohnt. Ein großes Schild an der Straße zeigt an, dass es zum Verkauf steht.
Die alte Dame, die hier einmal zu Hause war, ist nach dem Tode ihres Mannes in ein Wohnstift gezogen. Sie allein hätte auch den dazugehörigen riesengroßen Garten nicht weiter bewirtschaften können.
Die vier Sonnenbergkinder waren immer neidisch auf diesen Garten. Ihr eigener war für diese Rasselbande nach ihrer Ansicht viel zu klein! Wahrscheinlich hätten sie ein Fußballstadion gerade als ausreichend gefunden.
Ja, so kam es dann auch, dass sie ständig über den Gartenzaun kletterten, um einen ausgebüxten Ball wieder zu holen.
Dieser Maschendrahtzaun sah nun auch dementsprechend ›heruntergekommen‹ aus. Und die diversen Rhododendren, die jenseits des Zaunes standen, waren auch schon arg in Mitleidenschaft geraten. Sehr zum Leidwesen von Mutter Sonnenberg, die ihren Sprösslingen immer und immer wieder verbot, den Nachbargarten zu betreten. Der Nachbar war damals schon einmal wutentbrannt bei den Sonnenbergs erschienen, ein Fußball war gerade auf seinem Kaffeetisch gelandet und das war überhaupt nicht lustig!

Im Grunde genommen aber waren die Kinder der Sonnenbergs keine Rabauken. Die beiden achtjährigen Zwillinge, Lisa und Lena, waren hilfsbereite Mädels, die auch des Öfteren Besorgungen für die Nachbarn erledigten. Selbst Rasen mähen und Straße kehren war für die Beiden kein Problem. Sie hatten deshalb auch stets - im Gegensatz zu ihren Brüdern - einige Euros zur Verfügung, eben weil sie sich ihr Taschengeld aufbesserten. Es kam sogar vor, dass die Jungen sich bei ihnen einen Minikredit holten, der dann mit einigen Cent Zinsen zurückgezahlt werden musste!
Heiko, mit zwölf Jahren der älteste der Brüder, vergrub sich häufig in seinen Büchern, er war auch Stammgast in der Stadtbibliothek. Seine Lieblingslektüre waren die historischen Bände der Bücherei, seine Spezialität war das Mittelalter. Wenn man ihn hierzu befragte, wusste er in jedem Fall eine Antwort.
Der zehnjährige Hendrik dagegen machte eher die Gegend unsicher. Er war bei seinen Altersgenossen gern gesehen und es gab leider kaum einen Streich, bei dem er nicht die Hauptrolle spielte.
Wie gesagt, einzeln und jeder für sich allein waren die Sonnenbergkinder ganz tolle Mitmenschen. Aber wehe sie waren alle im Garten beisammen, dann wackelte sogar der alte Nussbaum entsetzt im hinteren Gartenteil mit seinem Wipfel und der Kater Mischka verließ fluchtartig das Gelände.
Frau Sonnenberg hatte schon ihre liebe Not mit ihren Sprösslingen. Seit dem Unfalltod des Vaters vor vier Jahren versuchte sie - mit Erfolg - die Vier allein zu erziehen. Die Familie litt keine Not, dank der Lebensversicherung des Vaters war ein ausreichendes Einkommen vorhanden, dennoch war Frau Sonnenberg halbtags in einer Anwaltskanzlei tätig. Sich ganz und nur auf die Familie zu konzentrieren, wäre ihr schwergefallen.

Trotz allem fehlte ihnen der Vater an allen Ecken und Enden, seine Hilfe bei schwierigen Umständen, das Vertrauensverhältnis zu Frau und den Kindern, kurzum: Es war ein leerer Platz in der Familie, der einfach nicht zu füllen war.
Das war auch jedem in der kleinen Gemeinschaft klar, trotz allem unterstützten sie ihre Mutter, so weit es ihre Möglichkeiten zuließen.tree_068
Der hintere Teil des Sonnenberg-Gartens war mittlerweile zu einer Art Rückzugsgebiet geworden. Der alte Walnussbaum, der dort schon seit vielen Jahrzehnten stand, war mit einer Rundbank versehen, die hatte der Vater noch selbst gezimmert.
Diese Bank war ein Platz geworden, an den man sich zurückziehen konnte, um mit seinen Gedanken allein zu sein. Das wurde dann auch von allen so lange respektiert, bis der dort Sitzende zu erkennen gab, dass er wieder ›unter den Lebenden weilte‹.
Es war dem Haus in der Moorstraße 13 schon anzusehen, dass hier die heile Welt Fuß gefasst hatte. Jedenfalls war äußerlich nichts zu sehen, dass diese Ansicht außer Kraft setzen würde.

Allerdings, der Gartenanteil, in dem der Fußball regierte, sah naturgemäss nicht sehr gepflegt aus. Mutter Sonnenberg aber war das gleich, die Kinder hatten nun mal die Gelegenheit, sich austoben zu können. Dieses Privileg war dabei vielen ihrer Schulfreunde leider nicht gegeben.
Eines schönen Tages im Frühjahr war das große »Haus-zu-verkaufen-Schild« vor dem Nachbargrundstück verschwunden. Einige Tage später hielt dort ein riesiger Möbelwagen.
Die Sonnenberg-Kinder waren ganz aufgeregt vor lauter Spannung, sie erhofften sich neue Spielkameraden, die dort ins Nachbarhaus einziehen würden.

Aber leider war da nichts von irgendwelchen Kindern zu sehen. Nur ein Herr mit Dreitagebart war es, der mit den Möbelträgern aus und ein ging. Für die Jungen sah das sehr enttäuschend aus, sollte es nichts werden mit neuen Bekanntschaften?
Die Zwillinge hielten sich ein wenig zurück, waren aber auch etwas in ihren Erwartungen ernüchtert. Da war kein Mädchen nebenan, kein Junge weit und breit zu sehen. Am Abendbrottisch diskutierten sie dann auch alle vier über den neuen Nachbarn.
Die Mutter hatte ja auch noch nichts weiter erfahren. Sie hatte den Nachbarn mit einem herzlichen Willkommen begrüßt, außer einem ziemlich unverständlichen Dank war da wohl nichts Weltbewegendes zurückgekommen. Sie schlug den Kindern vor, höflich und freundlich zu sein und ansonsten abwartend zu bleiben.

Das ging dann auch einige Wochen gut. Es herrschte eine ziemlich ruhige Neutralität zwischen den Nachbarn diesseits und jenseits des Zaunes. Man sah den Mann auch selten, tagsüber war er wohl auch berufstätig, abends saß er allein mit einem Buch auf seiner Terrasse.

Das letzte herrlich sonnige Ferienwochenende allerdings lud die Kinder so richtig zum Spielen im Garten ein. Natürlich bekam der Fußball wieder die Oberhand; dass dies nicht ohne Lärm abging, war auch nicht verwunderlich.
Der neue Nachbar, wie alle inzwischen wussten, hieß er Meinke, saß wieder auf seiner Terrasse. Zwischen den Rhododendren war zwar nicht allzu viel von ihm zu sehen, aber dennoch hörten die Kinder ab und zu Geräusche von nebenan.
Und dann kam, was früher schon oft der Fall war: Der Ball flog bei einem ›Torschuss‹ weit über den Zaun in den Nachbargarten hinein!
Das erschreckte Aufstöhnen der Kinder war weit zu hören, Mutter Sonnenberg hörte es sogar in der Küche und eilte schnurstracks in den Garten. Auf ihre Frage nach der Ursache versuchten alle mehrstimmig eine Erklärung.

Ja, nun war guter Rat teuer. Mutter verlangte, dass die Jungen zum Nachbarn hinüber gingen, um sich zu entschuldigen und gleichzeitig zu bitten, den Ball zurückzugeben.
Ach war das nun ein Theater. Alle weigerten sich, zum Nachbarn zu gehen. Nach verschiedenen Begründungen kamen sie dann überein, dass Mutter - natürlich - unbedingt mitgehen sollte.
Frau Sonnenberg schaute zunächst vorsichtig durch die Büsche ins Nachbargrundstück hinein. Tatsächlich, der Mann hatte den Ball aus den Büschen geholt und brachte ihn in das angrenzende Gartenhaus.Mutter schnappte sich nun den widerstrebenden Hendrik und ging mit ihm durch die Vordertür zum Nachbarhaus. Gleich nach dem ersten Klingelton wurde die Tür geöffnet. Der Mann stand vor ihnen, einen Fuß in der Tür; einladend zeigte er nach der kurzen Begrüßung in sein Haus. Mutter versuchte sofort, das Missgeschick der Kinder zu entschuldigen.

Herr Meinke jedoch wehrte das mit Vehemenz ab, ‘das wäre überhaupt kein Problem’, meinte er, ‘und dass so etwas doch auch passieren könne und niemand solle sich darüber Gedanken machen’.
Frau Sonnenberg war erstaunt, das hatte sie sich nicht so vorgestellt. Und auch Hendrik strahlte, als der Mann ihm seinen Ball zurückgab und noch einen Zweiten völlig neuen Ball, der mit vielen Autogrammen beschrieben war, mit dazu.
›Damit sie nicht jedes Mal rüberkommen müssen‹, bemerkte er dabei, ›obwohl es ja eigentlich schade sei, dann könne er seine Nachbarn gar nicht mehr so oft sehen!‹
Mutter wurde ganz rot und schaute verschämt zu Boden. Als sie dann mit Hendrik wieder in ihr Haus zurückkam, schauten sie die übrigen Kinder überrascht an, so heiter und aufgeschlossen hatten sie die Mama lange nicht gesehen ...

Seitdem sind nun drei Monate vergangen. Die Nachbarschaft hat sich ganz hervorragend entwickelt, ganz anders, als es am Anfang den Anschein hatte.
Ach ja, das Schild: »Haus zu verkaufen« steht nun doch wieder im Vorgarten! Aber vor dem Haus der Sonnenbergs!

 

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