WEGEKREUZE


Herr, dreieiniger Gott

Wir bitten in dieser
friedlosen Zeit um den Frieden!

Für die Welt und ihre Völker.
Für die Länder und ihre Menschen.
Für uns selbst und unsere Herzen.

Dazu segne uns Gott der Allmächtige,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen

 

 

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Zu Markus 7, 31- 37

Kennst du die Geschichte von dem weißen Amerikaner, der mit einem Indianer durch New York zieht?  Plötzlich bleibt der Indianer mitten in der Hektik der Stadt stehen. Er wendet sich einem Hauseingang zu, wo eine Tür offen steht. Er schaut hinter die Tür, hinter der sich eine Grille befindet, die dort eingeschlossen worden war und sich nun der neu gewonnenen Freiheit freut. Der Amerikaner ist sehr erstaunt, als der Indianer ihm erzählt, dass er die Grille in ihrer Angst gehört habe. In der lauten Stadt und bei dem Straßenlärm, müsse man ja ungemein gute Ohren haben, wenn man so etwas hören wolle. Beide gehen ein Stück weiter, als der Weiße sich plötzlich umdreht: Einem Kind war einMünze auf den Gehsteig gefallen und er hatte dies sofort gehört. Die Geschichte mag einigen bekannt sie. Sie wurde schon oft erzählt, so dass ich ihre Quelle nicht kenne. Ich denke aber, dass dies nichts macht, verdeutlicht die Geschichte doch sehr schön etwas zu dem Thema unseres heutigen Textes: dem Hören.

      In unserer Geschichte heilt Jesus, der sich auf heidnischem Gebiet im Bereich der zehn Städte aufhält, einen Taubstummen. Wir können uns dessen Schicksal in der antiken Welt vorstellen. Wie bei fast allen Behinderungen war das Leben der Betroffenen von Armut und Ausgrenzung geprägt. Jesus heilt diesen heidnischen Menschen, der nicht hören und nicht reden kann. Dies ist das Bild, das Markus bewogen haben mag, gerade diese Heilung zu berichten. Der Mann, den Jesus von seiner Taubheit heilt ist ein Heide.
Für Israel war die Scheidung in Juden und Heiden recht klar. Jude, so heißt es heute, ist wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde. Das ist die Regel.
Zu Jesu Zeiten gab es durchaus Proselyten. Das waren Menschen, die zum Judentum konvertiert sind. Aber insgesamt war man Jude oder Heide, also eine ganz klare Scheidung.

     Für uns heute sieht das auf den ersten Blick gar nicht mehr so einfach aus. Wer ist Heide? Bei dem Wort schiebt sich noch ein Bild von mehr oder minder menschenfressenden Naturvölkern ins Bewusstsein. Darüber hinaus sind wir verwirrt. Sind die Anhänger aller möglicher Religionen Heiden? Können religiöse Menschen Heiden sein?. Markus hat die Geschichte ausgesucht, weil sie für ihn ein klares Merkmal des Heidentums enthält: Der taubstumme Heide wird für ihn zum Bild des Heiden an sich. Für ihn ist ein Heide, wer den Anruf Gottes nicht hört und wer nicht fähig ist, Gott zu loben. In diesem Sinne ist der Heide Gott gegenüber taub und stumm. Wenn Jesus den Heiden heilt, dann heißt das für Markus nichts anderes, dass Jesus Menschen für Gottes Wort empfänglich machen kann.

      Wenn wir die Männer aus den beiden Geschichten vergleichen, dann fällt auf, dass der weiße Mann in unserer Eingangsgeschichte keineswegs taub ist, wie der Heide in der Heilungsgeschichte. Er ist nur selektiv schwerhörig. Seine Ohren erweisen sich dem Fallen einer Münze gegenüber als sehr gut. Es ist die Not der Kreatur, die er nicht wahrnimmt. Die Geschichte des Amerikaners ist die Geschichte des modernen westlichen Menschen. Überall in den Medien wird der zunehmende Egoismus beklagt. Immer mehr Menschen verlieren die letzten Hemmungen, um sich selbst zu verwirklichen, um ihre Ziele durchzusetzen und um ihren Nutzen zu maximieren. Der Wunsch mitzunehmen, was man bekommen kann, stellt inzwischen die Grundfesten unseres Gemeinwesens in Frage.

      Der Verteilungskampf um die knapper werdenden Mittel zeigt die Werte der Gesellschaft deutlich auf. Hier geht es um den eigenen Vorteil. Viele haben zwar inzwischen begriffen, dass ein freiheitliches System und die unbegrenzte Maximierung des eigenen Vorteils nicht zusammen harmonieren, aber die politische Diskussion scheint keineswegs von einem Umdenken geprägt zu sein.

     Als Christen können wir feststellen, dass die moralische Basis der Gesellschaft mit dem Glauben zusammen verloren gegangen ist. Der Versuch der Moderne, ethische Grundlagen ohne Gott festzulegen geht gerade grandios schief. Es gibt ohne Gott keinen Grund, warum wir ernsthaft Rücksicht aufeinander nehmen sollten. Aber der Text stellt uns eine Perspektive.

      Markus stellt fest, dass Jesus unsere Taubheit heilen kann. Wenn wir uns von Jesus heilen lassen, dann werden wir wieder Hörende. Wir können wieder auf den Anruf Gottes hören und auf den Hilferuf unseres Nächsten.
Als Christen könnte dies zum Unterscheidungsmerkmal in der Welt werden. Wenn wir nicht taub, sondern hörend durch die Welt gingen, dann könnten wir in unserer Umwelt für Veränderungen sorgen. Und wer hören lernt, der lernt auch zu sprechen. Wer lernt auf Gott zu hören, der wird auch lernen Gott zu loben. Von Gott zum Hören befähigte können auch Gottes Standpunkt in der Welt vertreten.

      Lassen wir unsere Taubheit von Jesus Christus heilen, und gehen wir in die kommende Woche mit dem geschärften Gehör für unseren Nächsten, auch für unsere Familie, unsere Nachbarn und unsere Kollegen. Wir werden erstaunt sein, über den Lärm ihrer Hilferufe, den wir dann hören können!

     Wir können lernen, diese Hilferufe zu beachten und denen Hilfe zukommen zu lassen, die sie auch wirklich brauchen!

Herr,
wir möchten dich heute
nicht so sehr um etwas bitten.
Sondern wir beten zu dir,
dass du unsere Ohren für das öffnest,
was du uns schon längst
geschenkt hast.

Wir überhören an uns selber
und in unserer Welt vieles,
wofür wir dir dankbar sein können.
Für die glücklichen Augenblicke
 in unserem Alltag
sagen wir dir Dank.

Amen.

Coelin_48